Bild: Polizei, Metropolico.org, (CC BY-SA 2.0)

Präventionsarbeit der Polizei - Wie macht ‘die’ Polizei diese Arbeit und was verändert sich dadurch? Skizzen einer ethnografischen Praxisforschung

Erstellt am 20.02.2017

In knapp zwei Wochen ist es soweit! Auf dem 5. Grünen Polizeikongress #GPK17 am 4. März in Berlin diskutieren wir mit Gästen aus Praxis, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik über EU-weite grenzüberschreitende Polizeiarbeit, Erfolgsmodelle für De-Radikalisierung und Prävention und eine bürgerfreundliche Polizei. Wer sich schonmal einlesen will, wird in der Dokumentation des 4. Grünen Polizeikongresses fündig. Wir veröffentlichen in den nächsten Tagen Beiträge aus "4. Grüner Polizeikongress: Polizeiarbeit ohne Generalverdacht - Die Dokumentation", wünschen viel Freude beim Lesen und freuen uns auf ein Wiedersehen beim 5. Grünen Polizeikongress #GPK17!

 

Präventionsarbeit der Polizei - Wie macht ‘die’ Polizei diese Arbeit und was verändert sich dadurch? Skizzen einer ethnografischen Praxisforschung

 

Christiane Howe, Humboldt Universität zu Berlin

Seit jeher ist das Zusammenleben, insbesondere in urbanen Ballungsräumen, durch ein Nebeneinander und Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Szenen und Milieus mit ihren spezifisch ausgeprägten (Sub-)Kulturen und Wertvorstellungen gekennzeichnet. Es lässt so immer wieder Unsicherheiten hinsichtlich Umgang, Erwartungen und Einschätzungen bei vielen Beteiligten entstehen und birgt vielfältige Konfliktpotenziale. Auch der beschleunigte soziale Wandel (Rosa 2005) führt dazu, dass lokale Verhältnisse und (gefühlt) Sicherheitslagen zunehmend vielschichtig und unübersichtlicher werden. In dieser Situation ist die Polizei besonders gefordert. Sie begegnet dieser Herausforderung mit einer Kombination von Ansätzen und dem Ziel, realistische polizeiliche Einschätzungen zu generieren, aus denen sich angemessenes Handeln ableiten lässt. Neben ihrem Kerngeschäft, der Verfolgung von Straftaten und der Gefahrenabwehr, tritt im Rahmen der Sicherung der öffentlichen Ordnung zunehmend der Aspekt der Präventionsarbeit hinzu. Diese spezifische polizeiliche Arbeit werde ich, nach Darlegung des Ausgangspunktes, anhand von zwei Schwerpunkten meiner Arbeit im Folgenden skizzieren, um mich dann dem Kongressthema mit den Fragen zu nähern, ob und wie die Kriminalprävention das Handeln der Polizei insgesamt verändert und ob man diese vielfältigen Präventionsarbeiten als neue Konzepte und Ermittlungsmethoden ohne Generalverdacht fassen könnte.

 

Ausgangspunkt Praxisforschung

Grundlage meiner Schilderungen und Fragestellungen ist die zurzeit laufende ethnografische Praxisforschung zur Kriminalprävention (CODISP)  .Das Forschungsprojekt begann mit längeren Feldaufenthalten, bei denen PolizeibeamtInnen in ihrem Arbeitsalltag in verschiedenen präventiven Polizei-Abteilungen einer Großstadt über sechs bis acht Monate begleitet wurden. Diese Begleitung umfasste die Teilnahme am Büroalltag, an Veranstaltungen, Einsätzen, Besprechungen, Fortbildungen, Frühstücksrunden etc. Die Beobachtungen wurden zeitgleich oder danach notiert (Feldnotizen, Feldskizzen). Zudem wurden Gespräche mit den Beteiligten festgehalten (Gesprächsprotokolle oder Tonaufnahmen) und Dokumente (Unterlagen, Schriftstücke) gesammelt. Die Feldaufenthalte wurden in etwa zweiwöchigen Abständen unterbrochen, um in den Büroräumen der Universität, somit „außerhalb“ des konkreten Forschungsfeldes, Notizen anzufertigen, einen kollegialen Austausch zu ermöglichen und Reflexionen des Feldaufenthalts voranzutreiben.

Leitende Fragestellungen des Forschungsprojekts sind: Wie betreiben PolizeibeamtInnen diese präventive Arbeit? Welche Anforderungen und Fallstricke stellt die Arbeit? Eine Herausforderung für diese Praxisforschung ist, die Frage „wie macht die Polizei hier was?“ nicht aus normativer Perspektive, sondern eben aus der Praxis des Feldes heraus zu beantworten.

Im weiteren Verlauf des Forschungsprojektes wurden die Feldnotizen gesichtet, in Teilen verschriftet und in der ForscherInnengruppe in sogenannten Datensessions besprochen. Es wurde die Prävention im Verlauf beschrieben, um ein Gespür für diverse Handlungslogiken zu entwickeln. Mit Beschreibungen und ersten Analysen der präventiven Polizeiarbeit wurden dann gemeinsame Datensessions mit einigen beforschten PolizeibeamtInnen und Rückmelde- Runden an die Beforschten durchgeführt. Damit eröffneten sich in einem zweiten Schritt weitere Reflexionsräume, zum einen für die beteiligten PolizeibeamtInnen in Bezug auf ihre Arbeit, zum anderen für die ForscherInnen. Nach den Feldaufenthalten bei der Polizei wurden ExpertInnen-Interviews mit präventiv arbeitenden PolizeibeamtInnen in fünf anderen Städten zu kontrastierenden Vergleichen durchgeführt. Die vielfältigen Präventionsarbeiten konnten so in ihrem jeweils eigensinnigen Verlauf beschrieben und ihre Bedingungen und Anforderungen erfasst werden, herausgearbeitet wurden somit unterschiedliche Formen von Prävention und ihre Systematiken.

Ziel der Praxisforschung ist zum einen, jenseits von Strategie-/Konzeptpapieren und jenseits von evaluativen Fehleranalysen, Austausch und Kritik über (konkrete) Arbeitsweisen mit allen Beteiligten zu ermöglichen, um Erfordernisse, Herausforderungen und (Gelingens-)Bedingungen von polizeilicher Präventionsarbeit nach-vollziehen und Diskussionen über Grenzen und Alternativen eröffnen zu können. Zum anderen beschäftigt sich das Forschungsprojekt mit der Erforschung von Wissensbeständen, die das beruflich-alltägliche Wissen der präventiv tätigen PolizeibeamtInnen ausmachen.

 

Dabei stellen sich drei Fragen:

• wie, bei wem und in welcher Form wird Wissen generiert,• wie wird das so gewonnene Wissen von den Präventionseinheiten erfasstund für sie ggf. handlungsleitend und• wie wird der Wissensaustausch zwischen diesen speziellen Präventionseinheiten und der allgemeinen Organisation Polizei ermöglicht. Mit diesen Zielen/Schwerpunkten werden sowohl Problembearbeitungsformen und -kapazitäten, als auch ihre Grenzen ins Zentrum der Überlegungen gestellt.

 

Präventionsarbeit der Polizei

Die polizeiliche Präventionsarbeit hat sich seit Anfang der 1990er Jahre und spätestens im vergangenen Jahrzehnt stark verändert (Klose/Rottleuthner 2008). Zum einen hat sich der präventive Gedanke „Vorbeugen ist besser als heilen“, d. h. in diesem Fall Kriminalität gar nicht erst entstehen zu lassen, statt sie später zu bekämpfen, gesellschaftspolitisch durchgesetzt. Zum anderen wurde deutlich, dass es BürgerInnen in allen gesellschaftlichen Szenen und Milieus braucht, die den Staat mit seinen gesetzlichen VertreterInnen einschätzen können und ihm vertrauen, um entsprechende Vorkommnisse auch zu melden und Anzeigen und Zeugenaussagen zu machen, sowie eine Polizei, die weiß, was und wen sie vor sich hat. Zum dritten wird diese polizeiliche Arbeit zunehmend als Teil gesamtgesellschaftlicher Prävention begriffen, was bei der Polizei insgesamt zu neuen Aufgaben führt, z. B. zu der Aufgabe, Schwerpunktkampagnen zu initiieren und durchzuführen, kriminaltechnische Beratung anzubieten oder ein Sicherheitsmarketing zu entwickeln. All diese Aufgaben sollen von einer „bürgernahen Polizei“ (community policing/policede proximité) umgesetzt werden (Lange/Ohly/Reichertz 2009; Giger 2008; Dölling 1993).

Eine besondere Bedeutung gewinnt dabei die Kommune oder Stadt als räumlicher Bezugsrahmen, „in dem möglichst alle irgendwie berührten Institutionen, Organisationen und Personen in einem „gesamtgesellschaftlichen“ (Hervorhebung im Original) Ansatz gemeinsam an der Vorbeugung von Kriminalität mitwirken sollen.“ (Kober/Kohl/Wickenhäuser 2012:31), so auch und vor allem BürgerInnen und Polizei.

Die Bedeutung von Kooperationen nimmt zu, wie auch die Etablierung von Gremien (Arbeitskreise, Runde Tische etc.). Dabei treffen unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Wissensformen aufeinander, die sich häufig unverbunden gegenüberstehen: formalisierte Verwaltungen, verhandlungsorientierte, prozessuale Politik, zivile Fachberatungs- und Anlaufstellen, fluide zivilgesellschaftliche Bewegungen und lokal situierte, langfristig arbeitende Initiativen und AktivistInnen.

Organisation, Gestaltung und Entwicklung von Kommunen und Städten werden entscheidend durch diese unterschiedlichen Akteure mit ihren Wissensformen geprägt. Die zunehmende Vernetzung kommunaler bzw. „integrativer“ Prävention erfolgt in erster Linie projekt- oder themenbezogen (Neidhardt/ Schröder 2005; Ziercke 2003) und hat in einzelnen Städten und Regionen, teilweise auch bundesweit, zur Etablierung neuer, auf Dauer angelegter kriminalpräventiver Gremien und Kooperationen geführt (Kober/Kohl/Wickenhäuser 2012; Hunsicker 2003). Polizei gestaltet hier als ein Akteur unterschiedliche Sozialräume mit, initiiert mitunter Projekte oder treibt sie voran , auch im Sinne einer politisch wie polizeilich häufig erklärten Zielsetzung: Stärkung der „Inneren Sicherheit“.

Kommunen und Städte werden mit dieser Praxis – so auch meine Gespräche und Begleitungen im Rahmen der städtebaulichen Kriminalprävention – eher als sozialer, organischer, veränderbarer Raum wahrgenommen, als Raum, der immer auch sozial und zivilgesellschaftlich hergestellt wird und als wichtiger Bestandteil der „Inneren Sicherheit“ gilt. Raum wird hier nicht als bloßer Container oder gesetzte Architektur begriffen.

 

Die verschiedenen Ebenen der PräventionsarbeitExterne Arbeit: Stadtviertel an einem Hauptbahnhof

Ein großer Teil dieser polizeilichen Präventionsarbeit im Stadtviertel rund um einen Hauptbahnhof kann als eine Form des Flanierens beschrieben werden. Die PolizistInnen sind FußgängerInnen. Raum und Mobilität werden leiblich erfahrbar. Sie drehen Runden, sehen und werden gesehen, zögern, verweilen, halten inne und einen Schwatz am Rande, all das ermöglicht die unmittelbare Erfahrbarkeit des Viertels. Dieses „Flanieren“ verlangt eine dauerhaft angelegte, nicht fixierte, eher fluide, schwebende Aufmerksamkeit, eine gewisse Präsenz wie auch ein Fingerspitzengefühl in den Begegnungen. Flaneure im polizeilichen Arbeitsalltag müssen ihre Ziele und Arbeitsaufträge durchaus vor Augen haben und kennen, auch wenn vordergründig kein Nutzenkalkül sichtbar ist oder sichtbar sein soll. Die PolizistInnen sind zu zweit oder zu dritt im Viertel unterwegs, orientierten sich aneinander und entscheiden kollektiv, was rational, stimmig und auch handlungsgeboten erscheint. Ihr Wissen setzt sich aus drei Aspekten zusammen: dem Hören von Erzählungen und Geschichten anderer Akteure, einem Sehen über Blicke und Beobachtung sowie den Bewegungen im Gehen, Stehen, Laufen und entsprechend weniger Fahren. Diese Arbeit benötigt Zeit und (personale) Kontinuität sowie eine hohe interne Handlungs-/Gestaltungsfähigkeit. Das polizeiliche Wissen bildet sich also im Lauf der Zeit über das Quartier und mit ihm heraus.

Hirschauer (1999) führt dazu aus, dass „soziale Realität selbst aus Verhältnissen wechselseitiger Beobachtung besteht, in deren Regulierungen man sich einzuklinken hat.“ (ebd.:223). So ist auch diese Arbeit durch ein wechselseitiges Sich-Beobachten und Regulieren geprägt: Menschen und Polizei sind im Viertel ihrerseits „teilnehmende BeobachterInnen“, in einem spezifischen Sinn: der Konzentration auf das Lokale und der unausweichlichen Partizipation im Teil-Sein des Quartiers und auch der laufenden Distanzierung von dieser Partizipation (Hirschauer 1999:222). Sie agieren miteinander, beziehen sich wechselseitig aufeinander (z. B. bei Hilfestellungen, Informationen) und instrumentalisieren sich auch (z. B. bei Konflikten). Die Interaktionen sind miteinander verflochten.

Für PolizistInnen besteht darin zudem ein Spannungsverhältnis, das es immer wieder in gemeinsamen Gesprächen und Reflektionen mit den KollegInnen zu bearbeiten gilt: Teil des (alltäglichen) Kosmos zu sein heißt zugleich: darin zu stehen – mit zu strukturieren – aber auch außerhalb zu stehen. Es heißt für BeamtInnen, zugleich AnsprechpartnerIn, Vertrauensperson und Kontrollinstanz zu sein. Zu diskutieren wäre hier, was das perspektivisch für die polizeiliche Arbeit bedeuten kann sowie für ihre gesellschaftliche Position als eine Institution, der das Gewaltmonopol des Staates obliegt?

Durch die regelmäßigen Kontakte und ihre Anwesenheit vor Ort, so die Erfahrung der Polizei, kann sie zunehmend zu einem (fast alltäglichen) Ansprechpartner (Stichwort: „Normalisierung“) werden. Dadurch können zum einen Informationen gewonnen, z. B. durch Beobachtungen, Gespräche, aber auch Informationen gegeben werden und somit kann Aufklärung stattfinden. Bei diesen Interaktionen entstehen professionelle (Arbeits-) Beziehungen. Durch dieses permanente Dabei- und Teil-Sein von Polizei, das immer wieder erarbeitet, erhalten und ausbalanciert werden muss, entsteht ein Im-Bilde-Sein. Es können Informationen eingeschätzt und Kenntnisse erlangt werden, die einen Überblick über diverse Szenerien verschaffen. Somit „kennt Polizei die Lage“, womit auch entsprechend polizeiliche Einschätzungen von Orten und Personen etc. vorgenommen werden können, was anders gewendet auch ein im Blickfeld-der-Polizei-Sein heißt und Überwachen und Kontrollieren erleichtert und ermöglicht. Dass Polizei ein Teil im Bild des Alltags vor Ort ist, ermöglicht dieses Im-Bilde-Sein. Oder anders: Durch ein Vertraut-Sein lässt sich auch Vertrauen gewinnen. Dieses Vorgehen lässt veränderte Beziehungen zwischen BürgerInnen und Polizei vermuten, da Polizei hier nicht als Straf- und Kontrollinstanz auftritt. Inwieweit müsste noch genauer gefasst werden, in jedem Fall aber handelt es sich um ein ortsgebundenes und -bezogenes Tätig-Sein im Sozialraum, in einem Quartier.

Die PräventionsbeamtInnen arbeiten hier in erster Linie anlassunabhängig, sind zu Fuß unterwegs, nahe am/an der BürgerIn und vor allem kommunikativ gefordert: sie knüpfen Kontakte, vermitteln, fungieren als Gesicht ihrer Organisation, bauen Vertrauen auf, erhalten vielfältige Informationen und verschaffen sich so einen Überblick. Damit erschließen sie u. a. Sozialräume innerhalb eines Quartiers, bauen Beziehungen auf und leisten Aufklärung. Präventionsarbeit ist in diesem Sinne immer auch polizeiliche Aufklärungsarbeit, die Sicherheitslagen vor Ort einschätzt und strukturiert.

Eine Arbeit, die dennoch viele als eher polizeiferne Arbeit einstufen würden, etwa zur unverbindlichen Imagepflege in schwierigen Sozialräumen.

 

Interne Arbeit: Beispiel Schwerpunkt in der Behörde

Die interne Arbeit umfasst zum einen die regelmäßige Bearbeitung und Reflexion über Gesehenes und Gehörtes, die in der Dienststelle erfolgt, um eine entsprechende Einordnung in Polizei-Relevantes zu leisten. Es werden „Geschichten“ überprüft, unter Umständen polizeiliche Recherchen getätigt und gegebenenfalls Vorgänge verschriftlicht und damit nachvollziehbar festgehalten.

In der Einbettung in der Behörde erfolgt auch eine punktuelle Weitergabe oder Koordination/Bündeln von dem spezifischen Fach- und Erfahrungswissen. Zudem wird frühzeitig auf Entwicklungen aufmerksam gemacht. Darüber hinaus bestehen Vor- und Zuarbeiten für andere Fachstellen oder für die Leitungsebene; und es werden Fort- und Ausbildungen durchgeführt.

Zum anderen muss diese polizeiliche Präventionsarbeit über dieser externen, sicht- wie erfahrbaren Arbeit  notwendigerweise auch intern, in der Behörde als Schwerpunkt verankert, implementiert, „verästelt“ und vorangetrieben werden. Denn hier werden:

• Ressourcen zur Verfügung gestellt,• Themen und Projekte (weiter) entwickelt, gesetzt und vorangetrieben,

Und hier wird:• um fachliche Standards gerungen,• ein Berichtswesen/die Dokumentation der Arbeit erstellt,• ihre „Wirkungsmessung“ diskutiert und• letzten Endes auch die Personalausstattung fest gesetzt.

 

Auch diese interne Arbeit zum Schwerpunkt Prävention stellt eigene Anforderungen an soziale, kommunikative Kompetenzen und an ein weitgefächertes „Wissen“ der damit befassten Polizeikräfte.

Implementierung, Strukturierung und Konzeptionierung der Prävention als polizeilicher Schwerpunkt und Ansatz mit ihren unterschiedlichen, präventiven Themenfeldern innerhalb der Polizei-Behörde erweist sich insofern als zentrale und herausgehobene Aufgabe, da sie als ein „neuer“ und Polizei intern zumindest umstrittener bis wenig anerkannter Bereich gilt.

Zudem haben die zentralen Stellen, die übergreifend für das Themenfeld Prävention zuständig sind, häufig keine Vorgesetzten-Funktion, können also keine Dienstanweisungen herausgeben und letztlich nicht entscheiden. Prävention ist meist fachlich gesetzt und soll fachlich vorgesetzt sein, ohne es formal-strukturell in der Behörde zu sein.

So müssen bei der Polizei zunächst interne Voraussetzungen geschaffen werden, eine Infrastruktur im weitesten Sinne für die Präventionsarbeit bereitgestellt und zugleich vorhandene Voraussetzungen und Strukturen dafür genutzt werden. Als Präventionsbeamter bzw. -beamtin muss man also wissen, „wie der Laden tickt“, wie unterschiedliche Abteilungen, auch zueinander, aufgestellt sind und wie Menschen „ticken“, d. h. an welchen Punkten man mit was bei wem ansetzen kann und sollte, um die Sache der Prävention voranzubringen.

Auch die Präventionsarbeit innerhalb von Behörden muss sich somit auch mit einer „Charme-Offensive“ (O-Ton einer Leiterin) aufstellen, um sich in die Abteilungen hinein – mit den bestehenden Strukturen – eigenständig zu verästeln, um ein fachlich orientiertes Netzwerk aufzubauen.

Diese Arbeit kann insofern als eine Art „organisationale Veränderung/Innovation“ oder zumindest als eine anders verfasste polizeiliche Arbeit begriffen werden, weil sie durchaus Selbstverständlichkeiten der bestehenden Herangehensweisen, der Infrastrukturen und der alltäglichen Behördenwelt (im Hinblick z. B. auf das polizeiliche Repressionshandeln, bzgl. Hierarchien oder Dokumentationen) in Frage stellt.

 

Ordnung-(s)-Wissen – Wie weiß die Prävention was?

PolizeibeamtInnen bewegen sich tagtäglich in Konflikt- und Risikolagen, die sie mittels professioneller Einordnungen, Typisierungen und Rahmungen ins eigene relevante System übertragen und übersetzen müssen (Reichertz 2003). Die präventive Arbeit erfordert erweiterte Herangehensweisen hinsichtlich Interaktionen, Wahrnehmungen und fundierten Einschätzungen komplexer Situationen sowie deren Überführung in praktisches Wissen und daran angepasste Handlungen und Taktiken. Ausgehend davon, dass Handlungssubjekte Routinen und Deutungen in ihren jeweiligen Kontexten – historisch durch soziale Interaktionen bereits entwickelt und abgesichert – vorfinden und sie sich aneignen müssen, sie andererseits diese immer wieder neu ausdeuten und damit auch „eigen-willig“ erfinden müssen (Reichertz 2003), sind Denken, Wissen und Erkenntnis durch den sozialen Kontext hindurch geprägt, in ihm verankert und demnach sozial bedingt. Menschen entwickeln so alltagstaugliche Interpretationen, Deutungsschemata, Handlungslogiken und Rechtfertigungsstrategien, um ihren Erfahrungen Sinn zu geben.

Diese Prozesse umfassen unterschiedliche Wissensformen:

• Das (implizite) Erfahrungswissen, welches mit den Alltagsbezügen entsteht, d. h. über (Alltags-)Erfahrungen, über körperlich organsierte, an den Leib gebundene Abläufe, über praktische Muster, Routinen und Gewohnheiten sowie über Handlungsmuster von Ausführenden. Diese Form von Wissen wird in der Praxis vermittelt durch die Nachahmung von Handlungen – nicht von Vorbildern –, ohne die Stufe eines bewussten Diskurses erreichen zu müssen. Es erfolgt neben dem Tun, Zeigen und Nachmachen über das Erzählen und Berichten, über spezifische Praktiken des Erzählens, in denen Erfahrungen, Wahrnehmungen und Deutungen ausgetauscht werden. Dieses implizite Wissen ist nicht-formalisiertes Wissen und kaum irgendwo nachzulesen. Alltägliche Situationen, seien sie beruflicher oder privater Art, sind durch einen hohen Anteil dieses impliziten Wissens geprägt. Es gilt sowohl für kognitive als auch körperliche Fertigkeiten und entspricht dem Können – im Unterschied zum Wissen (Ryle 1987; Kemmerling 1990) .

• Darin enthalten sind Teile des anwendungsorientierten Wissens, des Wissens „Wie“, das sich durch konkrete Bedingungen und Materialien, kontinuierliche Praktiken, Aktivitäten und Anwendungen herstellt. Es zeichnet sich durch eine andauernde „Improvisation an die Gegebenheiten der Umwelt“ (Ingold) aus, ist somit prozesshaft und ein durch Partizipation charakterisierter Prozess. Der Wissenstransfer geschieht im praktischen Tun. Es erfolgt auch über eine explizite Einübung durch Zeigen, Vormachen und Nachahmen und wird wirksam durch die Beteiligung in Gemeinschaften, die diese Praktiken vollziehen, sogenannten communities of practice, so z. B. auch in der Polizei.

• Im Gegensatz dazu stellt das institutionalisierte Wissen das Wissen über das „Was“ in den Mittelpunkt. Diese Form des Wissens ist gekennzeichnet durch Faktenwissen (z. B. testen und explizieren/verifizieren und falsifizieren), durch Informationen und „gegebene Tatsachen“. Es erfolgt durch Verknüpfungen zu bereits gesichertem und damit „gültigem“ Wissen, dem common sense. Es ist ein repräsentatives Wissen, das u. a. durch Fachbücher, Richtlinien, Standards, Gesetze wirksam wird.

In einem ersten Überblick lässt sich hier aus der ethnografischen Forschung zusammenfassend darstellen, dass PolizeibeamtInnen je nach Bedarf (nach außen wie innen) auf vielfältige Wissensformen zurückgreifen:

1. „Struktur-Wissen“ (Wissen um strukturelle Abläufe/Prozesse), d. h.:a) um gegebene (Außen-)Strukturen im Quartier (Standorte, Abläufe,Lokalitäten),b) um gegebene (interne) Behördenstruktur und (vor-)strukturierteAbläufe, Hierarchien (bestimmte Abteilungen und Aufgaben);

2. „Vernetzungs-Wissen“ (Wissen um kommunikative Abläufe/Prozesse), d. h.: a) um persönliche (Außen-)Kontakte vor Ort, Kenntnisse vonPersonen und ihren Beziehungen, b) um (Arbeits-)Kontakte und persönliche (Arbeits-)Beziehungen, nach außen wie innen; 3. „Thematisches-Wissen“, d. h.: Wissen um Themenbereiche, thematische Zuständigkeit und Kompetenzen, Gesetze.

Das Wissen setzt sich zusammen aus den Erfahrungen (erleben und austauschen), den Geschichten, Erinnerungen (individuell/kollektiv) und Fakten, die man nachschaut, nachliest und zusammensetzt. So ist davon auszugehen, dass die Präventionsarbeit die Organisation Polizei auf Dauer verändert wird, verändern muss.

 

Prävention im „Dazwischen“

PräventionsbeamtInnen sind häufig eine Art „Schnittstelle“ nach außen, zu den vielfältigen zivilen Akteuren, die sie kennen und deren Anliegen sie wiederum in die Behörde zurücktransportieren, dort diskutieren oder für Veränderungen einstehen. Gleichzeitig vertreten sie gegenüber den zivilen Akteuren ihre Behörde und ihren Berufsstand. Sie sind also vielseitig gefragt, bewegen sich in unterschiedlichen Szenerien und sind somit wechselseitig Überbringer, Positionierer, Transformatoren. Dabei hängt die Durchsetzung/Stellung „ihres“ Themenfeldes und „ihrer“ thematischen Kompetenz, wie oben beschrieben, von vielfältigen Faktoren ab.

Polizeiliche PräventionsbeamtInnen und -teams betreiben lokale Wissens und Netzwerkarbeit und agieren in einem vielfältigen Raum des „Dazwischens“. Insoweit fungieren sie als Knotenpunkt zwischen Polizei und anderen gesellschaftlichen Akteuren, z. B. Beratungsstellen, Beiräten und Verbänden – nach außen als „Gesicht“ der Polizei, nach innen, innerhalb der Polizeiorganisation, als „Stimme“ der Zivilgesellschaft. Diese Wissensarbeit der Polizei ist dabei nicht von ihrem sich ständig wandelnden Gegenstand – der Nachbarschaft, der Schulkultur, der religiösen Konflikte, etc. – zu trennen (Jaschke 2010).

Das „lokale Wissen“ (Geertz 1983) der PräventionerInnen ist dabei nicht immer schon Organisationswissen: weder im Sinne einer Verfügbarkeit aus Sicht der polizeilichen Organisation, noch im Sinne der Anwendung von Programmen oder Formaten einer Wissensspeicherung. Dieser formell anders gefasste, d. h. kommunikativ prozesshafte Charakter von präventiver Arbeit bzw. von präventiven Wissensformen steht der organisationsinternen Steuerung zur Erfassung und Kontrolle präventiver Handlungen entgegen. Inwieweit die Präventionsarbeit an sich, die vielfach auch experimentell aufgestellt ist, sich einer solchen Steuerung entzieht oder nach anderen Formen verlangt, z. B. weg vom Fakten- hin zum Methodenwissen, soll hier zunächst offen bleiben. Deutlich geworden ist wohl, dass diese präventiven Arbeiten umfassender „die“ Organisation Polizei herausfordern und auch verändern.

Während um die behördeninterne Einbindung und die externen Durchführungen von Präventionsarbeiten immer noch oder immer wieder gerungen werden muss, stehen ihre Auswirkungen wohl außer Frage: Diese präventive, kommunikative Arbeit verändert durchaus die Beziehungen zwischen Polizei und BürgerInnen und innerhalb der Polizei, weil sie andere Arbeitsformen präferiert und implementiert. Im Rahmen unseres Workshops bieten sich an dieser Stelle sicherlich vier Fragen an, die nicht abschließend verstanden werden sollen, um sie zu diskutieren:

Welche Fallstricke beinhaltet diese Arbeit?Wie ist diese Arbeit perspektivisch weiter zu entwickeln?Wie verändert diese Arbeit die allgemeine Organisation Polizei?Was bedeutet diese Form der polizeilichen Arbeit gesellschaftspolitisch?

 

Literaturverzeichnis

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Autorin

Christiane Howe ist Soziologin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität zu Berlin. Sie hat mehrere empirische, qualitative Forschungsprojekte und Gutachten zu Geschlechterverhältnissen, Migration und Raum, insbesondere mit Schwerpunkt Sexarbeit und Menschenhandel sowie zu Partizipation und Anti-Diskriminierungsgesetzen entwickelt und durchgeführt. Zurzeit arbeitet sie an der Humboldt Universität zu Berlin an einer ethnografischen Studie zur polizeilichen Kriminalprävention (CODISP).

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