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Bildung oder Ausbildung? Bedingungen einer zeitgemäßen Berufsvorbereitung für eine moderne Polizei

Erstellt am 25.01.2017

Dieser Beitrag ist Teil der Broschüre „Wege zu einer alternativen Sicherheitspolitik“. Wissenschaftlerinnen und Praktiker geben Einblicke in ihre Ideen zu europäischer Zusammenarbeit von Polizei und Justiz, einer bürgernahen Polizei, der angemessenen Ausbildung von Polizistinnen und Polizisten und den Möglichkeiten parlamentarischer Kontrolle. Der 5. Grüne Polizeikongress 2017 bietet ein Forum für die Debatte  über alternative Sicherheitspolitik zwischen Grünen, Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und VertreterInnen von Polizei und Strafverfolgung.

 

Bildung oder Ausbildung? Bedingungen einer zeitgemäßen Berufsvorbereitung für eine moderne Polizei

Prof. Dr. Rafael Behr

 

01. STRUKTURLOGIK DER POLIZEIAUSBILDUNG

„Welche Polizei brauchen wir für welche Gesellschaft?“, dies  ist die Leitfrage nicht nur in Hamburg oder in Deutschland, sondern vielerorts in Europa. In Großbritannien hat sich mittlerweile weitgehend die Losung des „evidence-based policing“ durchgesetzt: Polizeiliche Strategien müssten sich dort wissenschaftlich bzw. empirisch überprüfen lassen bzw. werden überhaupt erst durch empirische Studien vorbereitet. Davon sind wir in Deutschland weit entfernt. Nach wie vor dominiert hier ein wechselseitiges Verhältnis des Misstrauens, oft eines der Missachtung zwischen Theorie und Praxis bzw. zwischen wissenschaftlichem und erfahrungsbasiertem Wissen. Die Vorbereitung für den Polizeidienst richtet sich bislang stringent an den Handlungslogiken der polizeiliche Praxis aus: Sie gilt als Lackmustest für die Güte der Ausbildung. Alle Theorien und Wissenschaften müssen sich an ihrer praktischen Verwertbarkeit oder mindestens an ihrer Relevanz für die Praxis messen lassen. Umgekehrt gilt das nicht: Nie musste die Praxis der Polizei beweisen, dass sie „theoriefest“ ist oder mindestens wissenschaftskonform arbeitet. Für den Polizeiberuf gibt es keine schlüssige erkenntnistheoretische Metaebene, auch das, was seit einiger Zeit „Polizeiwissenschaft(en)“ genannt wird, leistet dies nicht. In einigen Bereichen werden natürlich naturwissenschaftliche Erkenntnisse genutzt, aber hier ist nicht Naturwissenschaft gemeint. 

Der Grundstock der beruflichen Kompetenz wird an der Art der Berufsvorbereitung ersichtlich. In den Bundesländern mit der  sog. dreigeteilten Laufbahn (umgangssprachlich: mittlerer, gehobener, höherer Dienst) geschieht die Ausbildung zum sog. „mittleren Dienst“ in einem traditionellen Lehrberuf (Meister-Schüler-Verhältnis), in der Regel mit einem „Klassenlehrer“ aus dem gehobenen Polizeidienst und in ausschließlicher Verantwortung von Polizeibeamten, sieht man von den sog. allgemeinbildenden Fächern einmal ab. Der sog. „höhere Dienst“ wird ein Jahr lang in den jeweiligen Bundesländern oder in Länderverbünden ausgebildet und im zweiten Studienjahr zentral an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster-Hiltrup. Die Ausbildung zum sog. „gehobenen Dienst“ erfährt hingegen eine gewisse Varianz: Von der Akademielösung in Niedersachsen und bald auch in Hamburg bis hin zur völligen Externalisierung des Studiengangs  in Berlin. Die meisten Bundesländer haben sich allerdings für eine Mischform aus Fachhochschule und Polizeischule entschieden. Externes Lehrpersonal ist nicht mehr nur für die „Orchideenfächer“ Psychologie, Soziologie und Politik zugelassen, sondern bringt sich substanziell auch in die Rechtsdisziplinen und in die Kriminologie ein. Doch nach wie vor liegen die Studiengebiete „Einsatzlehre“, „Führungslehre“  und „Kriminalistik“ fest in der Hand der Polizei, die auch sonst die Atmosphäre und die Struktur des Polizeistudiums dominiert. Auch wenn manchmal an diese „-lehren“ nun die Endung „-wissenschaft“ angehängt wird, ändert das nichts an der Polizeizentrierung. Oft sind die Studienorte, ähnlich oder identisch mit der Ausbildung zum  mittleren Dienst, eigebettet in die Architektur der Polizei, und auch dort, wo die Theorie nicht in Polizeigebäuden selbst stattfindet, ist die Praxis in den sog. „Kernfächern“ omnipräsent. Leitungsebenen (Leitung der Hochschule bzw. Fachbereichsleitung) werden überwiegend mit (ehemaligen)  Polizeibeamten besetzt, für die ein eigener wissenschaftlicher Reifungsprozess nicht Berufungsvoraussetzung ist (so in Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, FH Bund/Bundespolizei und BKA, Deutschen Hochschule der Polizei, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, bis vor kurzem auch Hamburg, doch ist diese Position gerade vakant und wird vertreten)1. Es scheint so, als vertrauten die politisch Verantwortlichen - auch auf dem Bildungssektor - der Polizei mehr auf die Eignung für den höheren Polizeidienst (3. Fachprüfung) als einer Promotion.  Doch auch dort, wo das Lehrpersonal nach der  C- oder W-Besoldung alimentiert wird, gibt es Grenzen der professoralen Doppelfunktion von Lehre und Forschung. Mit einem Stundendeputat von in der Regel 18 Wochenstunden, mit einer z.T. berufsschulisch organisierten Seminarplanung, ist neben der Lehre nur in Ausnahmefällen noch Raum und Zeit für Forschung.

Von der Praxis werden  immer wieder aufs Neue Defizite der Studierenden im Bereich der Fertigkeiten und Fähigkeiten für den Polizeidienst kritisiert, und die Notwendigkeit eines Studiums wird latent oder offen bezweifelt. Mittlerweile weicht die kategorische Infragestellung den eher subtilen Zweifeln, ob im Studium die „richtigen“ Inhalte für die Polizeipraxis vermittelt werden, weshalb man sich von Seiten der Polizei auf das Heftigste in die Gestaltung der Lehrinhalte (Curricula) einmischt. Bis auf Berlin ist es keiner der Bildungseinrichtungen für den gehobenen Polizeidienst gelungen, sich aus der Umklammerung durch die Dienst- und Fachaufsicht des Innenressorts zu lösen. Der zivilgesellschaftliche Kontext ist in der Ausbildung wenig präsent (am meisten noch in den Studienfächern Kriminologie, Soziologie, Psychologie, Politikwissenschaften, aber auch die müssen sich stets gegen Stundenkürzungen zugunsten des Eingriffsrechts erwehren).  „Ambiguitätstoleranz“ und „soziale Kompetenz“ bleiben meistens genauso schlagworthaft wie der Erwerb von Schlüsselqualifikationen, die zunächst einmal mit dem praktischen Vollzug nicht unmittelbar zu tun haben (z.B. „wissenschaftliches Argumentieren“). Forderungen nach einem mehrwöchigen oder gar studienbegleitenden Sozialpraktikum werden in der Regel mit dem Hinweis, dass die Schüler/Studierenden von Beginn ihrer Ausbildung Ermittlungsbeamte der Staatsanwaltschaft sind und dem sog. Legalitätsprinzip (Strafverfolgungszwang) nach § 163 StPO unterliegen, vom Tisch gewischt. Um aber wahrzunehmen, dass die zukünftigen Klienten der Polizistinnen und Polizisten nicht nur Menschen sind, die (der Polizei) Probleme machen, sondern vor allem auch solche, die Probleme haben, wäre ein frühzeitiger Perspektivenwechsel unabdingbar. Die Studierenden, und noch mehr die Polizeischüler, lernen hingegen sehr früh vor allem eines: die soziale Welt aus einer polizeilichen Perspektive zu begreifen und zu deuten. Die ebenfalls im Ausbildungs- und Studienalltag immer präsenten Berufsvertretungen (die dort vor allem Mitgliederwerbung betreiben) tragen ihren Teil dazu bei, das Berufsbild der Polizei in Richtung einer berufsnostalgischen und polarisierenden (Gewalt-)Perspektive zu verdichten. Von ihnen werden schwierige Klienten schon einmal gern als „Abschaum“ bezeichnet. Das ist sicher nicht die Regel, aber es ist in der Polizei möglich, so zu reden, ohne abgewählt zu werden.

 

02. MIMETISCHE BERUFSVORBEREITUNG VS. PROFESSIONSORIENTIERUNG

Die Dominanz der Polizeipraxis führt zu einer vornehmlich mimetischen Berufsvorbereitung, die auf Nachahmung, auf Fortsetzung des bisher Praktizierten beruht. Sie fügt sich in die Dominanz der Tradition, der Praxis, der Routine. Ihr Gegensatz ist nicht unbedingt Theorie, sondern ein aus Reflexivität gewonnenes Neuverständnis des Berufs, eine „kritische Fortentwicklung“, die auch Infragestellung beinhaltet, wenn man so will. Mimetisch nenne ich eine Ausbildung, in der keine Inhalte oder Positionen mehr hinterfragt werden (also zum Beispiel das „Warum“ einer polizeilichen Maßnahme), sondern mehr Wert auf das Procedere (das „Wie“ einer Handlung) gelegt wird. Dies führt im Ergebnis zu einer beruflichen Haltung, die strikt in eine prozedurale und in eine intentionale Logik trennt. In der allgemeinen polizeilichen Problembewältigung stelle ich immer wieder fest, dass der Prozess, das Verfahren, das „ordentliche Abarbeiten“ im Vordergrund stehen (man hört oft den Spruch, dass man dies und das „sauber abgearbeitet“ habe),  also das „wie“, nicht aber das „warum“. Mit Praxis ist dann aber Wiederholung und Fortsetzung des schon Vorhandenen gemeint und mit Theorie alles, was sich nicht auf das schon Vorgängige bzw. auf die (eigene) Erfahrung bezieht. Für viele „Praktiker“ gehören auch das Recht zur Theorie oder alle Verwaltungsvorschriften oder die Anweisungen der Vorgesetzten. Die Abspaltung von Form und Inhalt beginnt in der Ausbildung. Sie immunisiert im Ergebnis gegen jegliche Kritik, weil  man sich keiner inhaltlichen Auseinandersetzung mehr stellt, sondern nur noch auf die Einhaltung von Formen verweist (was bei den diversen Castor-Transporten regelmäßig zu einer „Verständigungsbarriere“ führt).

Hochschulbildung hatte und hat immer auch den Auftrag der Infragestellung, der Irritation, der Neukonzeptionierung. Professionen (wie Medizin, Jura, Theologie, aber auch Soziale Arbeit) leben davon, dass es immer eine deutungsmächtige Metaebene zur Praxis gibt. Jedoch scheint für Irritation und Perspektivenwechsel in der Polizeilichen Ausbildung kein Platz zu sein. Solange diese Widerstände gegen eine akademisch Bildungsarbeit durchsetzungsfähig sind, solange wird der Polizeiberuf keine Profession sein.

Eine gewisse Skepsis ist angebracht, wenn einzelne Bundeländer versuchen, mithilfe einer Akademie-Lösung das Problem der erodierenden Bildung von Polizisten zu lösen. Ich fürchte, in einer von der Polizei direkt durchwobenen Akademie werden die Lern- und Lehrstrukturen wieder eher der polizeilichen Logik angepasst werden. Damit ist eine Annäherung der Ausbildung des gehobenen Dienstes der Polizei an eine Landespolizeischule wahrscheinlicher als die an eine Universität.

 

03. „GEWALT“ ALS BEISPIEL FÜR DIE MODERNISIERUNGSWIDERSTÄNDE IN DER POLIZEI

Das Thema „Gewalt“ zeigt, dass die Selbstreferentialität der Polizei verhindert hat, einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess mit zu verfolgen, der sich weit vor dem vermeintlichen Gewaltanstieg ereignet hat. Statt über veränderte Kommunikationsbedingungen (übrigens auf beiden Seiten des Gewaltmonopols) nachzudenken und diese zu analysieren, vielleicht auch über veränderte Umgangsformen, vielleicht auch über Prekarisierung, auch statt über Gewalt als wechselseitigen Interaktionsprozess zu debattieren und zu überlegen, wie man professionell damit umgehen kann, vor allem: statt auch auf die eigene Gewalt und ihre Entgrenzungsmodalitäten zu schauen, thematisiert die Polizei allein die Gewalt gegen sie selbst. Und zwar durchaus im Sinne eines Verdichtungsprozesses und entgegen besseren Wissens aus der Polizeilichen Kriminalstatistik oder dem Strafgesetzbuch: Beleidigungen, Widerstände, alle Formen der Körperverletzung mutieren zur Gewalt. Das ist gerade für junge Polizistinnen und Polizisten  hochambivalent: einerseits schweißt es sie zusammen, denn sie imaginieren, ihr Beruf sei von Gewalt geprägt, der sie zunehmend hilflos ausgesetzt seien. Sie fühlen sich als Opfer und entwickeln eine „defensive Solidarität“ (Ohlemacher), die zu der Orientierung auf die eigene Peergroup auch noch zum polarisierenden Denken verleitet. Andererseits macht es sie aber auch rigider, sie nehmen die Gesellschaft zunehmend als feindlich gesonnen wahr, sie verallgemeinern ihre „Kiez-Erfahrungen“ zu Menschen- und Gesellschaftsbildern. Sie fordern (und vermissen) Respekt gegenüber der Staatsautorität, nicht auf ihr individuelles Handeln bezogen. Diese Haltung des  „kollektiven Opfers“  generiert kein Selbstwertgefühl, sondern Angst und Unsicherheit. Polizistinnen und Polizisten erscheinen im Diskurs der Polizeigewerkschaften als diejenigen, die Opfer „sind“ (victims), nicht als diejenigen die Opfer „bringen“ (i.S. des lat. Wortes „sacrificium“). Das ist der große Fehlschluss aller Funktionäre, die davon kurzfristig etwas haben mögen, die aber damit das Selbstbewusstsein der Polizei als zivilgesellschaftliche Friedensinstanz aufs Spiel setzen.     Es gibt eine Reihe von Bedingungen, die den Umgang mit Klienten der Polizisten erschweren, auch wenn sie nicht Gewalt sind oder darin münden. Dass man bestimmte Gruppen von Klienten mit Worten und/oder Vernunft nicht mehr erreicht, ist für viele ein Problem. Dass der Respekt gegenüber der Institution Polizei nachlässt, erscheint ebenfalls als Problem. Aber niemand in der Polizei gibt zu bedenken, dass es heute keinen Wert an sich darstellt, gegenüber einer Uniform Respekt zu erweisen. Diesen Schritt in die postmoderne Realität hat die polizeiliche Ausbildung offenbar nicht erfolgreich vollzogen. Immer noch konzipieren junge Beamtinnen und Beamte den Bürger im Konfliktfall als „Herrschaftsunterworfenen“ und sind schnell schockiert, wenn diese Erwartung nicht bedient wird. Hier haben die Sensoren der Polizei hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung offenbar versagt. Man begnügt sich vollständig mit der Klage über mehr Gewalt und das „die Gesellschaft“ sich ändern müsse. Das ist zu wenig an Reflexivität für eine professionelle Polizei. Über aktuelle „Entfremdungsprozesse“ zwischen Polizei und Gesellschaft gäbe es vieles zu sagen und zu forschen, doch wird es in der Polizeipraxis nicht goutiert. 

Die (Fach-)Hochschulen der Polizei können ihre Funktion als Transmissionsriemen zwischen Zivilgesellschaft und Polizei nicht mehr nutzen, denn sie befinden sich im Klammergriff der Praxis. Ihnen muss mehr denn je daran gelegen sein, den Studierenden eine innere Haltung zu ihrem Beruf zu vermitteln, die nicht nur auf Praxisvollzug ausgerichtet ist, sondern auch auf eine rollenkritische Auseinandersetzung mit dem Beruf. Es reicht jedenfalls nicht, Ihnen Techniken der Alltagsbewältigung zu vermitteln. Neues Denken, das müssen sie lehren, nicht schon Gedachtes kopieren – dafür wäre Unabhängigkeit vom Polizeivollzug die erste Voraussetzung. Wie das aussehen kann, könnte man in Berlin lernen oder in Planungsstäben erproben, in denen sich „Bildungsfachleute“ und Polizeipraktiker gleichberechtigt begegnen. Eine solche Institution, etwa ein „polizeilicher Bildungsgipfel“ auf Bundesebene, wäre dringend zu fordern.  

RAFAEL BEHR Dr. phil., Dipl.-Verw., 15 Jahre Polizeidienst in Hessen, danach Studium der Soziologie. Promotion zum Thema „Cop Culture – der Alltag des Gewaltmonopols“ (2000). Heute Professor für Polizeiwissenschaften mit Schwerpunkt Kriminologie und Soziologie an der Hochschule der Polizei Hamburg. Arbeitsschwerpunkte sind Organisationskulturen im Sicherheitsbereich. Aktuelle Veröffentlichungen: Die „Gewalt der Anderen“ oder: Warum es in der aktuellen Gewaltdebatte nicht (nur) um Gewalt geht, in: Ohlemacher, Thomas/Jochen-Thomas Werner (Hrsg.): Empirische Polizeiforschung XIV: Polizei und Gewalt, Frankfurt am Main, S. 177-196

Anschrift: Prof. Dr. Rafael Behr Hochschule der Polizei Hamburg,      Braamkamp 3, 22297 Hamburg rafael.behr@hdp.hamburg.de

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