Foto: Fritz Schumann

Anzügliches Verhalten

Gastbeitrag von Jan Philipp Albrecht, erschienen in der Printausgabe von The European 4/2014

Erstellt am 04.12.2014

Die politische Uniform ist der Maßanzug, und wer die verweigert, wird schief angeguckt. Dabei schulden wir dem Wähler ein Ende des Einheitsbreis.
Es ist schon interessant, wenn ich als Politiker ständig im Zusammenhang mit meinem Äußeren beschrieben werde. Schließlich falle ich aus dem üblichen Erscheinungsschema des Abgeordneten etwas heraus.
 
Ob es die Trainingsjacke, das T-Shirt unter dem Sakko oder die leicht abgewetzten Jeans waren – die Wahl meiner Mode war im Grunde immer Thema, wenn über mich und mein Wirken als Politiker berichtet wurde. Dazu der Bartwuchs, dessen Beschreibung von Abraham-Lincoln-Bart bis Fusselbart reicht, und die lockigen Haare, die gerne als Wuschelfrisur bezeichnet werden. Ich habe mir daraus nie etwas gemacht, fand es selbst oft amüsant. Und obwohl ich darauf bestehe, dass ich nun einfach so aussehe, wie ich es persönlich für schön und angemessen halte: Es ist auch ein politisches Statement.
 
Als mich ein Hannoveraner Politikjournalist kurz nach meiner ersten Wahl ins Europäische Parlament fragte, ob ich nun mit Dreiteiler zur Sitzung käme, war meine Antwort ein entschiedenes Nein. Nicht weil mir ein Dreiteiler nicht stehen würde oder ich ihn an anderen hässlich fände, sondern weil ich mich als Politiker eben nicht einer gesonderten Elite oder Politikklasse beiordnen wollte. Ich fühle mich als Repräsentant der Bevölkerung, auf Zeit. Und in der breiten Bevölkerung, erst recht in meinem Alter, gibt es nun mal viele Menschen, die im Alltag ­keinen Dreiteiler tragen.
 
Dennoch erscheine ich mit meinem relativ normalen Äußeren in den Parlamentsfluren oft irgendwie als Fremdkörper. Die Sicherheitsleute fragen noch immer nach meinem Ausweis, obwohl ich nun ­bereits über fünf Jahre Abgeordneter bin und ­erste weiße Haare im Bart bekommen habe. Und diejenigen, die ohne ein Augenzwinkern gleich mit dem Eintritt ins politische Geschäft auf Businessmode oder gar Maßanzüge umgesattelt sind, fordern noch immer ab und an den modisch gemeinten „Respekt vor dem Parlament“ ein. Ich denke dann immer, dass der Respekt vor der Bevölkerung und der eigenen Rolle als ihr Stellvertreter eigentlich eine – auch modische – Distanzierung vom Politikbetrieb als Business erfordert.
 
Mode kann Einstellungen ändern
 
Mir gefällt deswegen, wenn gerade Politikerinnen und Politiker ab und an einen modischen Akzent setzen. Es ist nicht per se mit politischer Gestaltung gleichzusetzen – auch modisch völlig uninteressierte Menschen können gute Politiker sein. Aber das Aufbrechen von eingeschliffenen (Denk-)Mustern lässt sich auch durch die Wahl der äußeren Erscheinung erreichen.
 
Klar ist doch: Ganz gleich, wie jemand gekleidet ist und ob sie oder er auf Mode großen Wert legt – dahinter kann ein kluger Kopf und eine gute Politikerin oder ein guter Politiker stecken. Dennoch scheint sich diese Überzeugung bei vielen Menschen noch nicht durchgesetzt haben. Sie engen den Begriff des Stils auf das standesgemäß Gewohnte ein und fordern von jeder und jedem zunächst eine äußerliche Anpassung, bevor innere Überzeugung oder vorgebrachte Argumente ernst genommen werden. Diesem Vorurteil und dieser Einengung politischer Kreativität entgegenzutreten, obliegt niemand anderem als den Politikerinnen und Politikern selbst. Auch kann man bei den üblicherweise in den Parlamentsfluren aufgetragenen Business-Kleidern selten einen besonders attraktiven Stil attestieren.
 
Umso erfreulicher ist es, dass es bereits in der Vergangenheit große Vorbilder gegeben hat, die in puncto stilbewusster Kleidung eine Abweichung von der Norm salonfähig gemacht haben. Vor allem bei den Grünen haben sich in diesem Sinne zahlreiche Abgeordnete verdient gemacht: Waren es Petra Kelly oder Marieluise Beck, die gleich mit einer ganzen Fraktion damals durchaus modischer Pullover in den Bonner Bundestag einzogen, oder Joschka Fischer, der sich als erster grüner Minister in seinen Turnschuhen im Hessischen Landtag vereidigen ließ. Oder sei es Claudia Roth, die bereits in ihren ersten Jahren in Straßburg bunte Farben in den grauen Politikalltag brachte.
 
Es sind Beispiele, die zeigen, dass die Mode immer auch ein Mittel der Erneuerung und der ­Bewegung war. Und dass die Politik ohne mutige modische Statements zu einem grauen Einerlei verkommt, die ihre ­Attraktivität und Begeisterung verliert. Dass auch Konservative in der Lage sind, durch ihr äußeres Auftreten Aufsehen zu erregen, zeigte jüngst mein dienstältester Kollege Elmar Brok, der sich im „Tagesschau“-Interview im hippen Morgenmantel inklusive Seidentuch zeigte, was gleich die Satiriker von „extra3“ auf die Tagesordnung rief.
 
Ich für meinen Geschmack würde mir sehr wünschen, dass der parlamentarische Zwirn noch so manches Mal aufgelockert wird und Politikerinnen und Politiker inhaltlich wie modisch wieder häufiger anecken. Meinen Beitrag dazu leiste ich gerne und stehe für Verbesserungswünsche immer bereit. So wurde schon das ein oder andere Mal über mein ­T-Shirt abgestimmt, das ich im Plenum tragen solle, und damit die Zuschauerzahl der ansonsten eher ignorierten Straßburger Plenarsitzung zumindest um ein paar Hundert angehoben.
 
Auch auf diesem Wege kann ausgefallene Mode in der Politik also einen positiven Effekt haben und die Aufmerksamkeit der Menschen auf ihre Vertreterinnen und Vertreter in den Parlamenten lenken. Trotzdem sollte immer klar sein: Der Effekt verpufft, wenn dem Zwirn nicht auch der politische ­Inhalt ebenso mutig und klar folgt.

Der Gastbeitrag erschien in der Printausgabe von The European 4/2014 und ist jetzt online.

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