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29. May 2017 Antwort Retweeten Favorit
PressemitteilungenDatenschutz, Digitalisierung & Netzpolitik

Ausschuss hält Datenschutzschild für unzureichend

EU-US Privacy Shield

Pressemitteilungen, Datenschutz, Digitalisierung & Netzpolitik

PRESSEMITTEILUNG – Brüssel, 23. März 2017

Die Mehrheit der Angeordneten des Innen- und Justizausschusses des Europäischen Parlaments hat heute eine Entschließung zum EU-US Privacy Shield angenommen, die Konservativen stimmten dagegen. Das EU-US Privacy Shield stellt Regeln auf für die erleichterte Weitergabe personenbezogener Daten in die USA, etwa bei der Nutzung von Online-Diensten wie Suchmaschinen oder sozialen Netzwerken. Das Privacy Shield geht von einem angemessenen Datenschutzniveau der Unternehmen in den USA aus. Den Unternehmen steht es allerdings frei, sich selbst auf die Regeln zu verpflichten und damit in den Genuss des vereinfachten Datenverkehrs in die USA zu kommen. In der Resolution stellen die Abgeordneten nochmals klar, dass die Massenüberwachung in den USA nicht vereinbar mit EU-Recht ist. Jan Philipp Albrecht, stellvertretender Vorsitzender des innen- und Justizausschusses und Schattenberichterstatter für die Resolution:

„Die Mehrheit der Abgeordneten des Innen- und Rechtsausschuss lässt sich nichts vormachen: Das Privacy Shield schützt die Daten der Menschen in der Europäischen Union nicht ausreichend. Von mit EU-Datenschutz vergleichbaren Standards kann in den USA keine Rede sein, das ändert auch das Datenschutzschild nicht.

Ich begrüße, dass nach dem Willen der Mehrheit der Abgeordneten des Innen- und Rechtsausschusses das letzte Wort über Datenweitergabe in die USA bei den EU-Datenschutzbehördenliegen soll. Die irische Datenschutz-Behörde kann Facebook so verbieten, personenbezogene Daten an die USA weiterzugeben und die Nutzerinnen und Nutzer vor dem Zugriff der NSA schützen.

Das Privacy Shield hält nicht, was die Europäische Kommission verspricht. Auch die Ausschussentschließung hält es für wahrscheinlich, dass die Kommissions-Entscheidung vor dem Europäischen Gerichtshof nicht standhalten wird. EU-Justizkommissarin Vera Jourová ist aufgerufen, zügig Nachbesserungen am Privacy Shield auf den Weg zu bringen, spätestens bis die neue Datenschutz-Grundverordnung ab Frühjahr 2018 zur Anwendung kommt.“

 

Hintergrund:

Die Entschließung wird voraussichtlich in der Woche vom 3. bis 5. April 2017 im Plenum des Europäischen Parlaments abgestimmt. Die Europäische Kommission hatte die neue Regelung für den Datentransfer in die USA ausgearbeitet, nachdem der Europäische Gerichtshof die Vorgängerregelung Safe Harbour 2015 kassiert und mit sofortiger Wirkung für ungültig erklärt hatte.

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Grüne Positionen zu Robotik & Künstlicher Intelligenz

Neue Minibroschüre - verfügbar auf Deutsch, Englisch und Schwedisch

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"Alleingang der Bundesregierung verursacht enorme Kosten und gefährdet Vertrauen"

Datenschutz, Digitalisierung & Netzpolitik

Das Bundeskabinett hat einen Gesetzentwurf zum Datenschutz beschlossen. Das geplante Ausführungs- bzw. Anpassungsgesetz soll die ab Mai 2018 geltende EU-Datenschutz-Grundverordnung ergänzen und konkretisieren. Jan Philipp Albrecht, Berichterstatter des Europäischen Parlaments für die Datenschutz-Grundverordnung, Dr. Stefan Brink, Landesbeauftragter für den Datenschutz, Baden-Württemberg, und Tim Wybitul, Partner der Wirtschaftskanzlei Hogan Lovells, bewerten den Gesetzentwurf und erklären, wie die Bundesregierung den Datenschutz schwächen will.

Frage: Was halten Sie von dem Entwurf? 

DR. STEFAN BRINK: Wir müssen sehr aufpassen, dass ein bemerkenswerter Wurf wie die EU-Datenschutz-Grundverordnung nicht durch eine nationale Regelung verwässert und verschlechtert wird. Der Entwurf der Bundesregierung zeichnet sich dadurch aus, dass gemeinsame europäische Standards unterlaufen, Betroffenenrechte eingeschränkt und nationale Sonderwege wie im Bereich der Videoüberwachung beschritten werden.

TIM WYBITUL: Der Entwurf ist schön für Anwälte, aber schlecht für Anwender. Selbst Experten verstehen die geplanten Regeln kaum. Unternehmen müssten viel Geld ausgeben, um die geplanten komplexen Regeln umzusetzen. Außerdem ist der Entwurf an vielen Stellen unpräzise. Das führt zu Auslegungsproblemen – und die führen zu Rechtsstreitigkeiten und damit Kosten.

JAN PHILIPP ALBRECHT: Richtig. Die Bundesregierung läuft Gefahr, mit ihrem Entwurf den mit der Datenschutz-Grundverordnung erzielten Fortschritt für Unternehmen und Verbraucher wieder rückgängig zu machen. Durch die abweichenden Bestimmungen drohen erneut Rechtsunsicherheit und Marktfragmentierung. Die Einschränkung von Verbraucherrechten zu Gunsten gewisser Geschäftsmodelle ist schlicht EU-rechtswidrig.

 

Hilft der Entwurf Unternehmen oder Verbrauchern?

TIM WYBITUL: Weder noch, würde ich sagen. Für Unternehmen wird der geplante deutsche Sonderweg beim Datenschutz ziemlich teuer.

JAN PHILIPP ALBRECHT: Der Entwurf dient vor allem der Bundesregierung, die zeigen will, dass sie eigene Akzente beim Datenschutz setzt, nachdem ihr dies im Rahmen der EU-Datenschutzreform nicht gelungen ist. Als EU-weites Vorbild würde eine solche Haltung allerdings sofort andere Mitgliedstaaten ermutigen, ebenfalls vom europäischen Konsens abzuweichen. Das wäre vor allem für Unternehmen und Verbraucher in Deutschland katastrophal.

DR. STEFAN BRINK: Das sehe ich auch so: Vordergründig versucht der Entwurf, die Unternehmen durch eine Beschränkung der Rechte von Verbrauchern und Beschäftigten zu entlasten. Dies wird aber im europäischen Konzert nicht funktionieren, hier zählen gemeinsame Positionen mehr als nationale Alleingänge.

 

Was sind die Nachteile für Verbraucher?

DR. STEFAN BRINK: Künftig wird jedes Unternehmen, aber auch jeder Verbraucher nicht nur ein oder zwei, sondern drei oder gar vier Gesetze in die Hand nehmen müssen: Die Grundverordnung, das nationale Anpassungsgesetz, nationale Spezialgesetze wie etwa im Bereich des Sozial- oder Beschäftigtendatenschutzes und daneben noch die Datenschutzrichtlinie für den Bereich der öffentlichen Sicherheit. Da blickt nur noch der Fachmann und die Aufsichtsbehörde durch – denkbar schlechte Voraussetzungen für den einfachen Verbraucher.

TIM WYBITUL: Das sehe ich ganz ähnlich. Kunden oder Mitarbeiter von Unternehmen werden schlicht nicht in der Lage sein, das neu geplante Gesetz zu verstehen. Das öffnet Schlupflöcher und schafft Rechtsunsicherheit. Für Verbraucher ist das ein Nachteil. Außerdem soll der Entwurf nach wie vor die Rechte betroffener Personen einschränken, etwa ihre Informationsrechte bei der Verarbeitung ihrer Daten.

JAN PHILIPP ALBRECHT: Der Punkt der Einschränkung von Betroffenenrechten wiegt enorm schwer und würde in dieser Form umgehend vor dem Europäischen Gerichtshof gekippt. Die Einschränkungsmöglichkeiten in der Datenschutz-Grundverordnung sind aus gutem Grund restriktiv gehalten. Es ist ein starkes Stück, dass die Bundesregierung hier offenbar die Gefährdung „allgemein anerkannter Geschäftsinteressen“ als Rechtfertigung heranziehen will, um Informations- und Auskunftsrechte von Verbrauchern auszuschließen.

 

Welche Folgen hat das vom Innenministerium ausgearbeitete Gesetz für die Wirtschaft?

JAN PHILIPP ALBRECHT: Die Datenschutz-Grundverordnung der EU ist für die Wirtschaft eine der größten Bürokratieabbaumaßnahmen und eine riesige Wachstumschance in einem einheitlichen europäischen Digitalmarkt. Mit dem Ansatz, die gemeinsamen Regeln wiederum durch nationale Alleingänge zu unterlaufen, werden nicht nur der Wirtschaft enorme Kosten entstehen, sondern er gefährdet auch das Vertrauen der Verbraucher in die Gültigkeit der neuen, starken EU-Datenschutzregeln.

TIM WYBITUL: Das Gesetz wird vor allem teuer. Viele große Unternehmen haben bereits jetzt Millionenbeträge für die Umsetzung der EU-Datenschutz-Grundverordnung budgetiert. Stellen Sie sich einmal vor, was es kostet, wenn man dann zusätzlich noch neue Sonderregeln für einzelne Mitgliedstaaten analysieren und umsetzen muss. Der Entwurf hebelt in Teilen die mit dem neuen EU-Datenschutzrecht geplante Vereinheitlichung aus. Wenn Mitgliedstaaten jetzt anfangen, überkomplexe Neuregelungen auf der Grundlage der DSGVO zu erlassen, schadet das der Wirtschaft. Dann bleibt es beim Datenschutz in der EU bei dem jetzigen Flickenteppich. Und in jedem Mitgliedstaat müssen Unternehmen andere Regeln umsetzen. Das kostet viel Geld und ergibt wenig Sinn.

DR. STEFAN BRINK: Das ist richtig. Hauptargument gegen den föderalen Datenschutz in Deutschland war doch die Rechtszersplitterung. Wenn man jetzt, nachdem eine europaweit geltende einheitliche Rechtsgrundlage entwickelt ist, die auch noch viele erprobte Elemente des deutschen Datenschutzes übernimmt und fortführt, ein nationales Gesetz mit zig Sondervorschriften dagegensetzt, gibt man die erzielten Vorteile wieder auf. Daher kann die Devise nur sein: Äußerste Zurückhaltung bei nationalen Vorschriften!

 

Hat das geplante deutsche Datenschutzrecht denn wenigstens Bestand, wenn das Parlament mitspielt?

TIM WYBITUL: Nein, wahrscheinlich nicht. Einige geplante Vorschriften dürften gegen vorrangiges EU-Recht verstoßen. Daher haben Datenschützer, aber auch das Justizministerium, frühere Fassungen des Entwurfs auch heftig kritisiert. Wenn der Europäische Gerichtshof einzelne Regelungen in ein paar Jahren wieder aufhebt, müssen Unternehmen nachsteuern. Das kostet natürlich wieder Geld.

DR. STEFAN BRINK: Richtig. Neben dem EuGH wird auch die Europäische Kommission den deutschen Sonderweg betrachten – und mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland einleiten, da die Grundverordnung durch nationales Recht konterkariert wird. Das wäre der Super-Gau für den Datenschutz: Ein jahrelanger Streit um die Wirksamkeit der einschlägigen Rechtsgrundlagen. Daher nochmals: Jetzt ist Zeit für nationale Zurückhaltung, nicht für kleinkarierte Verschlimmbesserungen.

JAN PHILIPP ALBRECHT: Es ist ja nicht nur der Bundestag, sondern auch der Bundesrat gefragt. In den Ländern gibt es bereits jetzt starken Gegenwind. Die Bundesregierung sollte sich zweimal überlegen, ob sie auf die umstrittenen Passagen besteht und damit die Gefahr schafft, dass der Entwurf nicht bis zur Anwendung der Datenschutz-Grundverordnung am 25. Mai 2018 in Kraft treten kann. Stattdessen sollte sie sich auf die absolut notwendigen Anpassungen an das neue EU-Recht konzentrieren.

 

Welche Alternativen gibt es denn zu dem aktuellen Gesetzentwurf?

TIM WYBITUL: Es gibt durchaus Alternativen. So wäre sinnvoll, wenn sich ein deutsches Ausführungsgesetz auf die wesentlichen Regelungen beschränkt, etwa zur Zuständigkeit der Datenschutzbehörden, zum Beschäftigtendatenschutz oder zur Bestellung und zum Kündigungsschutz von Datenschutzbeauftragten. Das würde zusätzliche Transparenz schaffen und die Umsetzung des neuen EU-Datenschutzrechts erleichtern. Die bislang bekannt gewordenen Pläne des BMI schaffen dagegen Unklarheit und erschweren die Anwendung eines einheitlichen Datenschutzrechts in der EU.

DR. STEFAN BRINK: Genau so ist es! Was nicht dringend und unstreitig geregelt werden muss – etwa der Erhalt der bewährten Institution des betrieblichen Datenschutzbeauftragten – muss dringend ungeregelt bleiben. Die Grundverordnung ist eine gute Arbeitsgrundlage, die wir gemeinsam auf europäischer Ebene fortentwickeln sollten. Wo übrigens ohnehin zahlreiche Debatten über spezielle Regeln, etwa im Bereich von Big Data, Scoring, Internet der Dinge und Robotik geführt werden. Die Bundesregierung täte gut daran, die noch offenen Fragen des neuen Datenschutzrechts jetzt nicht voreilig durch nationale Alleingänge zu füllen, sondern sich stattdessen gestaltend auf EU-Ebene einzubringen.

 

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Jan Philipp Albrecht ist Mitglied des Europäischen Parlaments und Berichterstatter für die EU-Datenschutz-Grundverordnung. Mit Dr. Florian Jotzo hat er das Handbuch "Das neue Datenschutzrecht der EU" veröffentlicht.

Dr. Stefan Brink ist Landesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit in Baden-Württemberg. Er ist Mitherausgeber eines der führenden Datenschutzkommentare in Deutschland und Experte für Datenschutz und die EU-Datenschutz-Grundverordnung.

Tim Wybitul ist Partner der Wirtschaftskanzlei Hogan Lovells. Das Portal "Juve" führt ihn als einen der führenden deutschen Rechtsanwälte im Datenschutz. Er ist Herausgeber der Zeitschrift für Datenschutz (ZD) und Autor des Praxisleitfadens "EU-Datenschutz-Grundverordnung im Unternehmen".

 

Die Fragen stellte Peter Herkenhoff, Corporate Communications Manager bei Hogan Lovells. 

 

 

Diäten

Transparenz

Mit meiner Ernennung zum Europaabgeordneten am 14. Juli 2009 ist ein einheitliches Abgeordnetenstatut in Kraft getreten, das durch einen Präsidiumsbeschluss ergänzt wurde. Ziel des Statuts ist es, die Unabhängigkeit der Volksvertreter sicherzustellen. Diese Statut enthält klare Regeln und macht die Bedingungen, unter denen die Volksverteter arbeiten, transparenter.

 

Die Abgeordneten bekommen ein einheitliches Gehalt (die sogenannte “Entschädigung”), das aus der EU-Kasse bezahlt wird. Die Summe orientiert sich an den Bezügen der Richter am Europäischen Gerichtshof (38,5% der Richtergehälter). Zurzeit sind dies 8.484,05 € vor Steuern; nach Abzug der EU-Gemeinschaftssteuer bleiben rund 6.613,53 €, die ich an meinem Wohnsitz in Deutschland entsprechend des deutschen Steuersystems zusätzlich versteuern muss. Zusätzlich trete ich 19 Prozent meiner Diäten als Mandatsträgerabgabe an meine Partei Bündnis 90/DIE GRÜNEN ab.

 

Meine tatsächlichen Reisekosten werden mir bis zu einem festen Betrag auf Beleg erstattet. Für persönliche MitarbeiterInnen haben alle Abgeordneten jeweils ein Budget von etwa 24.163,94 € monatlich zur Verfügung. Diese werden allerdings direkt vom Parlament bezahlt, so dass nur die anfallenden Kosten beglichen werden. Ehepartner und Verwandte ersten Grades dürfen nicht angestellt werden.

 

Die Europaabgeordneten haben mit der Vollendung des 63. Lebensjahres Anspruch auf ein Ruhegehalt. Dieses Ruhegehalt beträgt für jedes volle Jahr der Ausübung des Mandats 3,5 % der Entschädigung, insgesamt jedoch nicht mehr als 70 %.

 

Die Entschädigung ist das Gehalt eines Abgeordneten. Er darf allerdings nicht, wie andere Arbeitnehmer, bei der Versteuerung dieses Betrages auch noch Werbungskosten geltend machen; d.h. Fahrtkosten, Bürokosten, Arbeitsmaterial etc. können hier nicht angerechnet werden. Stattdessen erhält der Europaabgeordnete eine Kostenpauschale (PDF) in Höhe von derzeit 4.320 €.

 

Diese Aufwandspauschale ist dazu gedacht, Kosten, die mit der Ausübung des Mandates entstehen, abzudecken. Dies sind in erster Linie der Betrieb, die Einrichtung und Miete der Wahlkreisbüros sowie die technische Ausstattung der Abgeordneten und der Mitarbeiter abseits der Parlamentstechnik. Auch sämtliches Arbeitsmaterial für die Büros in Brüssel, Straßburg und im Wahlkreis muss hiervon beglichen werden, vom Bleistift über Briefmarken bis hin zu Druckerpatronen und Aktenordnern. Zudem müssen die Telekommunikationskosten von Abgeordneten und Mitarbeiter hiervon bezahlt werden.

 

Da ich gemeinsam mit vielen anderen Grünen die Aufwandspauschale als sehr missbrauchsanfällig kritisiere und sie oft wegen negativ aufgefallener Einzelfälle als persönliche Bereicherung der Abgeordneten gesehen wird, habe ich mein Büro verpflichtet, die Pauschale auf einem seperaten Konto zu führen und alle Ausgaben zu belegen. Damit ist klar, dass sie lediglich die tatsächlichen Kosten der Mandatsausübung deckt.

 

Für jeden geleisteten Arbeitstag, an dem ich als Europaabgeordneter an einer ordentlichen Sitzung oder Veranstaltung des Parlaments teilgenommen habe, erhalte ich einen Tagessatz in Höhe von zurzeit 304 €, wenn ich mich in die Anwesenheitslisten des Parlaments eintragen habe. Dieser Betrag deckt bei mir die Kosten für meine zusätzliche Wohnung in Brüssel, die Hotelkosten in Straßburg sowie die zusätzlichen Verpflegungskosten, die bei meinem Aufenthalt in Brüssel und Straßburg regelmäßig anfallen, da ich durch das ständige Reisen und die vielen Termine keine große Ernährungsauswahl treffen geschweige denn selber kochen kann.

 

Neben meiner Tätigkeit als Abgeordneter übe ich keine weitere berufliche Tätigkeit aus. Meine Nebeneinnahmen beschränken sich auf geringfügige Honorare für Artikel in Fachzeitschriften oder Vorträge an Universitäten, die insgesamt jährlich keine 1.000 € betragen. Dementsprechend ist auch keinerlei Angabe von finanziellen Interessen auf der von allen Abgeordneten zu Transparenzwecken abzugebenden Erklärung zu finden. Diese ist auf der offiziellen Seite des Parlaments abrufbar: Erklärung der finanziellen Interessen (PDF).

 

  • Weitere Informationen zu Entschädigungen & Vergütungen der Abgeordneten sowie Regelungen für die Personalausstattung gibt es auf der Webseite des Europäischen Parlaments.

 

 

 

Herausforderungen europäischer und internationaler Kooperation bei Polizei- und Strafverfolgungsbehörden

Polizei & Innenpolitik

Dieser Beitrag ist Teil der Broschüre „Wege zu einer alternativen Sicherheitspolitik“. Wissenschaftlerinnen und Praktiker geben Einblicke in ihre Ideen zu europäischer Zusammenarbeit von Polizei und Justiz, einer bürgernahen Polizei, der angemessenen Ausbildung von Polizistinnen und Polizisten und den Möglichkeiten parlamentarischer Kontrolle. Der 5. Grüne Polizeikongress 2017 bietet ein Forum für die Debatte  über alternative Sicherheitspolitik zwischen Grünen, Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und VertreterInnen von Polizei und Strafverfolgung.

 

Herausforderungen europäischer und internationaler Kooperation bei Polizei- und Strafverfolgungsbehörden

 

Prof. Dr. Helmut Satzger, Georg Langheld und Frank Zimmermann

 

01. DER HISTORISCHE RAHMEN

Die Europäische Union hat es sich zum Ziel gesetzt, einen „Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“ zu bilden1 und macht damit auch die Strafrechts- und Sicherheitspolitik zu einem Schwerpunkt ihres politischen Handelns. Während die Europäische Union zunächst damit befasst war, einen europaweiten Binnenmarkt zu schaffen, in dem der freie Verkehr von selbständigen Unternehmern, Arbeitnehmern, Gütern und Kapital gewährleistet war, begann sie damit, auch typisch innenpolitische und damit innerstaatliche Themen zu behandeln. Die Öffnung der Binnengrenzen war dabei nur ein nach außen besonders wahrnehmbarer Schritt in diese Richtung. Je mehr sich die Mitgliedstaaten jedoch für die Bürger aus anderen Staaten öffneten, umso mehr mussten sie fürchten, dass auch ausländische Kriminalität ihre Grenzen überschreiten würde. Im Gegensatz zu Kriminellen blieben ihre Sicherheitsbehörden und Strafverfolgungsorgane jedoch rechtlich und geographisch an ihre Heimatstaaten gebunden. Dass neben der wirtschaftlichen Integration zunehmend auch die polizeiliche und justitielle Zusammenarbeit auf die europäische Tagesordnung rückte, erscheint damit auch als Reaktion auf diese Entwicklungen.

Trotz ihrer grundsätzlichen Bereitschaft zur Kooperation sträubten sich die Mitgliedstaaten lange, die Integration im Bereich der Strafjustiz zu weit voranzutreiben, weil es sich bei den nationalen Strafrechtsordnungen wie auch bei der Sicherheitspolitik um besonders sensible Rechtsmaterien handelt.2 Erstens gehen die staatlichen Maßnahmen regelmäßig mit teilweise schweren Eingriffen in Bürgerrechte einher, beispielsweise Freiheitsentziehungen, Abhörmaßnahmen, Wohnungsdurchsuchungen etc. Jeder europäische Einfluss in dieser Hinsicht bedeutet zweitens auch einen Eingriff in die staatliche Souveränität, die eng mit diesen hoheitlichen Maßnahmen verknüpft ist. Drittens spiegeln beide Rechtsgebiete die grundlegenden gesellschaftlichen Werte und Traditionen der mitgliedstaatlichen Gesellschaften wider. Vor dem Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon nutzten die Mitgliedstaaten deshalb nur den institutionellen Rahmen der Europäischen Union, um ihre diesbezüglichen Politiken gemäß dem Prinzip der Einstimmigkeit zu koordinieren. Echt europäische, d.h. supranationale Rechtssetzung fand grundsätzlich nicht statt. Mit der Lissabon-Reform hat sich dies grundlegend geändert. Die Institutionen der Europäischen Union besitzen nun die Möglichkeit, neben den Mitgliedstaaten selbst rechtssetzend tätig zu werden. Einerseits kann die Europäische Union Mindestvorschriften erlassen, um die Strafgesetze der Mitgliedstaaten einander anzugleichen, und nach richtiger Ansicht – zumindest prinzipiell und in begrenztem Umfang – auch eigene supranationale Strafvorschriften erlassen. Andererseits kann die Europäische Union Einfluss nehmen auf das Strafprozessrecht der Mitgliedstaaten, auf die Zusammenarbeit der Justiz- und Polizeibehörden in Europa und sogar – ebenfalls in begrenztem Umfang – eine Europäische Staatsanwaltschaft errichten.

 

02. DIE ANGLEICHUNG DER STRAFGESETZE DER MITGLIEDSTAATEN DURCH DIE EU

In den vergangenen Jahren hat die Europäische Union in immer stärkerem Maße auf die nationalen Strafgesetze Einfluss genommen, indem sie bestimmte Kriminalitätsphänomene – wie etwa Menschenhandel, Kinderpornographie, Terrorismus etc. – als typische Formen grenzüberschreitender Kriminalität identifiziert und dementsprechend auf die Angleichung der nationalen Vorschriften hingewirkt hat,3 ohne dabei aber eine kohärente und in sich stimmige Kriminalpolitik zu verfolgen. Wie die europäische Wissenschaftlergruppe „European Criminal Policy Initiative (ECPI)“ nachgewiesen hat,4 lässt die Europäische Union dabei oft fundamentale Strafrechtsprinzipien außer Acht, auf die sie sich in den kommenden Jahren rückbesinnen sollte. Dieses Problem haben die Institutionen der Europäischen Union mittlerweile auch erkannt und sich – inspiriert von der rechtswissenschaftlichen Kritik – eigene Leitlinien für ihre Strafrechtspolitik gegeben.5 Es wird sich zeigen, wie ernst es die Europäische Union etwa mit dem Gesetzlichkeitsprinzip, dem Schuldprinzip, dem Verhältnismäßigkeitsprinzip oder dem Kohärenzprinzip meint. Dies sind Grundsätze, die in einem Großteil der Mitgliedstaaten zumindest als Leitlinien für die Ausgestaltung der nationalen Kriminalpolitik dienen (wenn sie auch faktisch nicht immer respektiert werden). Im Unionsrecht sind sie über die Grundrechtecharta, das Verhältnismäßigkeitsprinzip und die allgemeine Rechtsgrundsätze verankert,6 so dass sich die Europäische Union für eine an diesen Prinzipien orientierte Kriminalpolitik entscheiden muss und nicht ohne einleuchtendes Konzept und mit nur symbolischer Kraft versehene strafrechtsrelevante Rechtsakte erlassen sollte.

 

03. DIE ZUSAMMENARBEIT DER NATIONALEN JUSTIZBEHÖRDEN IN STRAFSACHEN

Die justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen basiert seit dem Ende der 1990er Jahre auf dem sog. „Prinzip der gegenseitigen Anerkennung“. Während es sich dabei zunächst nur um ein politisches Credo handelte, bildet dieses Prinzip seit dem Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon auch die rechtliche Grundlage für strafprozessuale Kooperationen zwischen den Mitgliedstaaten.7 Ganz allgemein formuliert bedeutet dieses Prinzip, dass eine Entscheidung einer Justizbehörde in Mitgliedstaat A ohne weitere Prüfung, quasi automatisch, auch in Mitgliedstaat B anerkannt und ausgeführt werden muss. Prominentestes Beispiel für die praktische Umsetzung dieses Prinzips ist der Europäische Haftbefehl. Danach muss ein Haftbefehl eines Mitgliedstaates auch in jedem anderen Mitgliedstaat vollstreckt werden. Ein um Vollstreckung ersuchter Mitgliedstaat muss also die Entscheidung des ersuchenden Mitgliedstaates grundsätzlich anerkennen und darf die Zusammenarbeit nur aufgrund genau normierter Ablehnungsgründe verweigern.

Das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung stammt ursprünglich aus einem ganz anderen Bereich: Es sollte die zügige Verwirklichung eines gemeinsamen Binnenmarkts erleichtern.8 Danach waren beispielsweise die Vorschriften zur Produktsicherheit, die im Herstellungsland einer Ware galten, grundsätzlich auch in den anderen Mitgliedstaaten als ausreichend anzuerkennen. Während diese Regelung im Bereich des Wirtschaftsrechts der Freiheit des Einzelnen diente, europaweit Handel zu treiben, wirkt es im Bereich der strafrechtlichen Zusammenarbeit aber freiheitsbeschränkend.9 Die gegenseitige Anerkennung von Entscheidungen der Strafjustizbehörden wirkt sich zulasten der betroffenen Bürger aus, wie etwa das Beispiel des Europäischen Haftbefehls verdeutlicht. Nun liegt es grundsätzlich in der Natur jeder Europäisierung, dass die Bürger in der Europäischen Union zunehmend auch mit Entscheidungen ausländischer Behörden konfrontiert werden. Im Bereich des Strafrechts ist jedoch besondere Vorsicht geboten, weil das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung als Fundament der justitiellen Zusammenarbeit besondere Gefahren für die Rechte Beschuldigter in sich trägt. Die bisherige Umsetzung dieses Prinzips im Strafrecht baut auf einer gewaltigen Schieflage zugunsten der Effektivität der Strafverfolgung und zulasten der berechtigten Interessen der in den Fokus der Justiz geratenen Bürger auf:

Die angesprochenen Gefahren liegen zunächst im tatsächlichen Bereich: Sie beginnen damit, dass eine europäische Zuständigkeitsordnung, nach welcher bestimmt wird, welcher Mitgliedstaat für die Verfolgung einer Strafsache zuständig ist, nicht existiert und die Entscheidungen der Justizbehörden somit nicht vorhersehbar sind. Belastungen für den Beschuldigten werden aber auch dadurch generiert, dass er durch Strafverfahren in einem anderen Mitgliedstaat seinem sozialen Umfeld entrissen und u.U. mit einer Verfahrenssprache konfrontiert wird, die er nicht spricht. Daneben kann sich das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung aber auch rechtlich negativ auswirken. Die Kehrseite der strikt verstandenen gegenseitigen Anerkennung ist stets eine Beschränkung der Rechtsschutzmöglichkeiten. In dem Maße wie eine Behörde ausländische Entscheidungen automatisch vollstrecken muss, scheidet eine Überprüfungsmöglichkeit aus, und zwar selbst dann, wenn die ausländische Entscheidung tief in Grundrechte eines Bürgers eingreift.

Eine weitere Folge des Anerkennungsgrundsatzes ist, dass der Beschuldigte Rechtsschutz nur im anordnenden Mitgliedstaat – also aus seiner Sicht im Ausland – erlangen kann. Die gegenwärtige Politik ignoriert die Unterschiede, die zwischen den Strafrechtssystemen der Mitgliedstaaten, insbesondere ihrer Prozessordnungen, bestehen. Das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung kann deshalb sogar von den Strafverfolgungsbehörden missbraucht werden, indem sie die Prozessordnungen so miteinander kombinieren, dass am Ende Beschuldigtenrechte umgangen werden. Damit drohen die (zumindest mehr oder weniger) in sich stimmigen Systeme der Mitgliedstaaten auseinanderdividiert und die unterschiedlichen kriminalpolitischen Wertungen gegeneinander ausgespielt zu werden. So mag ein Mitgliedstaat niedrige Anforderungen an eine Beweisgewinnung im Ermittlungsverfahren stellen, die Verwertung im späteren Prozess aber genau reglementieren und strikten Beweisverboten unterstellen, während ein anderer Mitgliedstaat schon bei der Beweisgewinnung hohe Hürden aufstellt, die so gewonnenen Beweismittel dann aber regelmäßig und ohne genauere Prüfung für verwertbar erachtet.

Während in Italien beispielsweise eine Überwachung von Telefonanschlüssen unter viel geringeren Voraussetzungen als in Deutschland möglich ist, gelten hierfür hierzulande strenge Anforderungen. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass die italienische Strafprozessordnung nicht rechtsstaatlich ausgestaltet ist; es kommt dann eben nur darauf an, dass die Verwertbarkeit derart erlangter Beweise nicht ungeprüft erfolgt.

 

04. DIE SCHAFFUNG EINER EUROPÄISCHEN STAATSANWALTSCHAFT

Auf Grundlage des Vertrags von Lissabon kann die Europäische Union nun eine Europäische Staatsanwaltschaft ins Leben rufen.10 Damit nähert sich die diesbezüglich seit über einem Jahrzehnt geführte Diskussion11 ihrer politischen Umsetzung, auch wenn längst noch nicht sicher ist, ob der politische Wille einer hinreichend großen Anzahl von Mitgliedstaaten hierzu vorhanden ist. Die Schaffung einer solchen supranationalen Ermittlungsbehörde könnte am Ende sogar in die Einführung echter europäischer Strafgesetze münden,12 die aller Voraussicht nach (zunächst) auf den Schutz des EU-Haushalts vor Betrügereien und sonstigen Unregelmäßigkeiten beschränkt wären. Bis es so weit ist, müssen allerdings noch viele Fragen geklärt werden. Diese betreffen, wie teilweise schon angedeutet, die genaue Zuständigkeit einer solchen Europäischen Staatsanwaltschaft, das von ihr anzuwendende (Strafprozess-) Recht, die justizielle Kontrolle und – allgemeiner – den Rechtsschutz und die Beschuldigtenrechte. Insbesondere muss dafür gesorgt werden, dass die Beschuldigten keinen Nachteil dadurch haben, dass ein Strafverfahren grenzüberschreitend und von einer europäischen Institution geführt wird. Um ihr Grundrecht auf eine effektive Verteidigung zu wahren, müssen sie sich beispielsweise problemlos über die Rechtsordnung des Verfahrensstaats und dort mögliche Rechtsbehelfe informieren können. Es bietet sich an, hierfür auf europäischer Ebene – parallel zu den europäischen Strafverfolgungsinstitutionen – eine mit Verteidigern aus den Mitgliedstaaten besetzte Stelle („Eurodefensor“) zu schaffen, die den nationalen Verteidigern bei grenzüberschreitenden Fällen mit Rat und Tat zur Seite steht.

Bevor man sich diesen – schwierigen – Fragen zuwendet, muss allerdings auf europäischer Ebene die Frage geklärt werden, ob die politische Großwetterlage den Schritt hin zu einer supranationalen Strafverfolgungsinstanz trägt, ob also bereits jetzt die Zeit reif für eine europäische Staatsanwaltschaft ist. Vor Übereilung kann hier nur gewarnt werden. Ohnehin werden sich an diesem Projekt – zumindest anfangs – nicht alle Staaten beteiligen, weshalb schon der AEUV die Möglichkeit einer verstärkten Zusammenarbeit von mindestens neun Mitgliedstaaten vorsieht.13 Mit Blick auf die im Primärrecht grundlegenden Prinzipien der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit ist jedoch zu erwägen, eine solche Institution möglichst souveränitätsschonend auszugestalten, um möglichst viele Staaten zum Mitmachen zu bewegen. Denn die Effektivität und auch die Legitimität, die Interessen „der EU“ durchzusetzen, steigt mit der Zahl der teilnehmenden Staaten.

Eine ausgewogene und politisch aussichtsreiche Lösung könnte darin gesehen werden, dass der Europäische Staatsanwalt nur dann eingreifen darf, wenn die nationalen Strafverfolgungsbehörde im konkreten Fall „nicht in der Lage“ oder „nicht willens sind“, die Strafverfolgung unter hinreichender Berücksichtigung der Interessen der Union durchzuführen (Komplementaritätmodell).14

 

05. POLIZEILICHE ZUSAMMENARBEIT

Abgesehen von verschiedenen Formen operativer Zusammenarbeit wird die polizeiliche Kooperation in Europa vor allem durch den Grundsatz der Verfügbarkeit von Informationen15 geprägt. Dieser besagt, dass Informationen, die eine Polizeibehörde eines Mitgliedstaates besitzt, grundsätzlich auch den Polizeibehörden anderer Mitgliedstaaten zur Verfügung stehen sollen. Dies geschieht auf verschiedene Weise: Erstens werden dafür europäische Datenbanken, beispielsweise beim Europäischen Polizeiamt Europol, errichtet. Zweitens wird durch technische Schnittstellen sichergestellt, dass die Mitgliedstaaten die Datenbanken anderer Mitgliedstaaten durchforsten können. Drittens werden schließlich Private zur Datensammlung verpflichtet, wie dies etwa im Rahmen der Vorratsdatenspeicherung geschieht.

Die Europäische Union muss klar definieren, wofür sie die von den Bürgern erhobenen Daten benötigt. Ebenso muss sie festlegen, wie lange und wo sie diese aufbewahrt, zu welchen Zwecken sie verwendet werden dürfen und unter welchen Umständen sie zu löschen sind. Daneben muss sie die justitielle wie parlamentarische Kontrolle auf diese Form der polizeilichen Tätigkeit ausdehnen, insbesondere hinsichtlich der Arbeit von Europol. Datenverarbeitung auf europäischer Ebene muss hohen datenschutzrechtlichen Ansprüchen genügen. Die auf europäischer Ebene bereits existierenden und künftig neu zu schaffenden Schutzstandards16 müssen es den einzelnen Mitgliedstaaten jedenfalls stets gestatten, selbst höhere Anforderungen zu stellen.

 

06. DER WEG IN DIE ZUKUNFT

Damit die Europäische Union in Zukunft gewährleisten kann, dass grenzüberschreitend geführte Strafprozesse nicht nur effektiv, sondern auch rundum fair geführt werden, muss das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung – bzw. zumindest seine Umsetzung in der Praxis – nochmals überdacht und in gewissem Umfang eingeschränkt werden. Nur wenn die Europäische Union sich zukünftig zu einem wahren Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts entwickelt, in dem der Schwerpunkt nicht einseitig auf den Aspekte der „Sicherheit“, sondern in gleichem Maße auf die Verwirklichung von „Freiheit“ und „Recht“ gelegt wird, kann eine europäische Strafrechtsordnung in einem kohärenten Gesamtsystem widerspruchsfrei neben den fortbestehenden nationalen Strafrechtsordnungen stehen und darf auf Akzeptanz in der Bevölkerung hoffen. Die Europäische Union muss eine Balance zwischen den berechtigten Beschuldigten- und Strafverfolgungsinteressen (wieder-) finden, indem sie die Rechtsstellung des Beschuldigten verstärkt und in das System gegenseitiger Anerkennung - jedenfalls einen vom ersuchten Staat überprüfbaren Vorbehalt für den Fall gravierender Verletzungen der Menschenrechte17 und bei ernsten Verstöße gegen den ordre public - einfügt. Europa muss sich das Ziel eines beispielhaft hohen Standards an Verteidigungsrechten setzen, welcher weltweit Maßstäbe setzen können sollte. Die Europäische Menschenrechtskonvention gewährt insoweit eine wichtige Basis, aber eben – und das war stets ihr Anspruch – nur einen Mindeststandard. Desgleichen darf das Prinzip der Verfügbarkeit von Informationen im sicherheitspolitischen Bereich nicht dazu führen, dass man sich mit einem im Vergleich zu den mitgliedstaatlichen Standards deutlich niedrigeren Datenschutzniveau zufrieden gibt.

Für die Umsetzung des Prinzips der gegenseitigen Anerkennung bedeutet dies, dass das geltende ebenso wie das künftig zu erlassende Recht stärker auf die Interessen der betroffenen Bürger ausgerichtet werden muss. Die rechtlichen und tatsächlichen Nachteile, die diese im Zuge einer grenzüberschreitenden Strafverfolgung erleiden, müssen bedacht und angemessen ausgeglichen werden. Dies kann beispielsweise dadurch geschehen, dass neue und klar definierte Ablehnungsgründe in die Rechtsakte über die gegenseitige Anerkennung eingefügt werden. Neben dieser Ausrichtung an den berechtigten Individualinteressen müssen auch legitime Staatsinteressen, wie sie etwa in einem europäischen bzw. nationalen ordre public verankert sind, dem Prinzip der gegenseitigen Anerkennung Grenzen setzen. Das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung kann nur dann weiterhin das Fundament strafprozessualer Zusammenarbeit in Europa bilden, wenn es mit Blick auf Individualinteressen und mitgliedstaatliche Interessen angemessen begrenzt wird. Wenn dies mit einer Harmonisierung des eigentlichen Strafprozessrechts einhergeht, durch die insbesondere ein signifikanter gemeinsamer Rechtsstandard geschaffen wird, würden die Gefahren der gegenseitigen Anerkennung merklich eingeschränkt.

Neben diesen inhaltlichen Erwägungen gilt es auch die institutionellen Veränderungen zu berücksichtigen, die der Vertrag von Lissabon mit sich gebracht hat. Erfreulicherweise wurde insbesondere die Rolle des Europäischen Parlaments gestärkt, das nun – im Gegensatz zu früher – über Fragen der justitiellen und polizeilichen Zusammenarbeit gleichberechtigt mitentscheidet und damit die früher oft als defizitär monierte demokratische Legitimation erbringt. Während die Kommission und die im Rat vertretenen Mitgliedstaaten den Schwerpunkt ihrer Arbeit leider häufig einseitig auf die Effektivierung ihrer strafrechtlichen und polizeilichen Kooperation gelegt haben, bleibt zu hoffen, dass das Europäische Parlament seiner Rolle als Anwalt des Bürgers gerecht wird. und auf eine kohärente und grundrechtsfreundliche EU-Kriminalpolitik im oben beschriebenen Sinn hinwirkt.

 

FUSSNOTEN

1  Art. 67 Abs. 1 AEUV.

2 s. hierzu Satzger, Internationales und Europäisches Strafrecht, 6. Aufl. 2013, § 9 Rn. 7 ff. sowie die Lissabon-Entscheidung des BVerfG (Neue Juristische Wochenschrift 2009, 2267 [Rn. 252 ff.]).

3 s. nur beispielsweise die Rahmenbeschlüsse zur Bekämpfung der Kinderpornografie (ABl. 2004 Nr. L 13/44) und zur Bekämpfung des Menschenhandels (ABl. 2002 Nr. L 203/1) sowie die diesbezüglich ergangenen Richtlinien (ABl. 2011 Nr. L 101/1 bzw. L 335/1).

4 ECPI, Manifest zur Europäischen Kriminalpolitik, Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik 2009, 697 ff. sowie European Criminal Law Review (EuCLR) 2011, 86 ff. (online verfügbar unter www.crimpol.eu).

5 Für den Rat s. Ratsdokument 16542/09; für die Kommission s. KOM(2011) 573 endg. sowie Reding, EuCLR 2011, 1 ff.; für das Parlament s. Dokument-Nr. 454.679.

6 s. hierzu Satzger, in: Sieber/Brüner/Satzger/v. Heintschel-Heinegg (Hrsg.), Europäisches Strafrecht, 2011, § 1 Rn. 68 ff. sowie Esser, in: Sieber/Brüner/Satzger/v. Heintschel-Heinegg (Hrsg.), Europäisches Strafrecht, 2011, § 53.

7 Politisch wurde dieser Grundsatz für das Strafrecht 1999 auf dem Europäischen Rat von Tampere aktiviert. Rechtlich ist er nun in Art. 67 Abs. 3; 82 Abs. 1 AEUV verankert.

8 Hierzu Streinz, Europarecht, 9. Aufl. 2012, Rn. 959 ff.

9 Zu seiner Entwicklung und seinen Auswirkungen im strafrechtlichen Bereich s. Satzger, Internationales und Europäisches Strafrecht, 6. Aufl. 2013, § 10 Rn. 24 ff.

10 Die Rechtsgrundlage hierfür ist Art. 86 AEUV.

11 s. hierzu schon das von einer Wissenschaftlergruppe um Delmas-Marty erarbeitete Corpus Juris, dies./Vervaele, The Implementation of the Corpus Juris in the Member States, Band I, Appendix III, 189 ff., sowie das Grünbuch der Kommission zum strafrechtlichen Schutz der finanziellen Interessen der EG und zur Schaffung einer europäischen Staatsanwaltschaft, KOM(2001) 715 endg.

12 Ob die Europäische Union hierzu die Kompetenz besitzt, ist umstritten. Zum Meinungsstand s. Satzger, Internationales und Europäisches Strafrecht, 6. Aufl. 2013, § 8 Rn. 18 ff. einerseits sowie Krüger, Höchstrichterliche Rechtsprechung im Strafrecht (www. hrr-strafrecht.de) 2012, 311 andererseits.    13 Art. 86 Abs. 1 UA. 3 AEUV sowie Art. 326 ff. AEUV.

14 Näher zu diesem Modell Satzger, Neue Zeitschrift für Strafrecht (NStZ) 2013, Heft 4.

15 Der Begriff stammt aus dem Haager Programm, s. hierzu Ratsdokument Nr. 14292/04.

16 s. insbesondere den Richtlinienvorschlag der Kommission, KOM(2012) 11 endg.

17 s. hierzu die insofern progressiven Schlussanträge der Generalanwältin Sharpston in der Rs. C-396/11 „Radu“, die sich die Richter in ihrer Entscheidung v. 29.1.2013 bedauerlicherweise nicht zu eigen gemacht haben. In dieselbe – zurückhaltende - Richtung geht der EuGH auch in der Rs. C-399/11 „Melloni“ (Urt. v. 26.2.2013).

 

HELMUT SATZGER Prof. Dr., Inhaber des Lehrstuhls für Deutsches, Europäisches und Internationales Strafrecht und Strafprozessrecht sowie Wirtschaftsstrafrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

 

GEORG LANGHELD Ass. iur., wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl Wirtschaftsstrafrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

 

FRANK ZIMMERMANN  Ass. iur., wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl Wirtschaftsstrafrecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

“Smart Borders”

Unkluge Milliardenkosten für Überwachung von Reisenden

Polizei & Innenpolitik, Europäisches Parlament

Im Europäischen Parlament starten derzeit die Verhandlungen über das sogenannte "Smart Borders"-Paket (deutsch: "intelligente Grenzen"). Die geplante Massensammlung von Daten aller Ein- und Ausreisenden an den europäischen Aussengrenzen schießt allerdings weit über das Ziel eines intelligenten Grenzmanagements hinaus. Das Projekt wird bis zu eine Milliarde Euro kosten, aber im Ergebnis nur wenig bringen. Zudem sollen die biometrischen Daten aller TouristInnen und Geschäftsreisenden aus Drittstaaten ohne Anfangsverdacht fünf Jahre auf Vorrat gespeichert werden, um im Einzelfall den Strafverfolgern zur Verfügung zu stehen. Die Grüne Europafraktion ist klar gegen diese Geldverschwendung, die auch noch massiv in die Grundrechte eingreift.

 

Die Diskussion über "Smart Borders" läuft seit Jahren - eine erste Mitteilung dazu hatte die Kommission bereits 2008 veröffentlicht. Den ersten Gesetzgebungsvorschlag für das Ein- und Ausreise-System hat die damalige EU-Innenkommissarin Cecilia Malmströn 2013 vorgelegt. Die Grundidee ist bis heute, von allen Menschen, die regulär aus Drittstaaten in die EU einreisen, ihre persönlichen Daten, inklusive biometrischer Daten, zu erheben, und dann bei der Ausreise diese Daten ebenfalls wieder zu erfassen. So soll besser kontrolliert werden, wer länger in der EU bleibt, als es das Visum oder die Visumbefreiung erlaubt (sogenannte "Over-Stayers"). 2013 gab es gleichzeitig einen Gesetzesvorschlag für ein Programm "registrierte Reisende", das es Vielreisenden erlauben sollte, sich freiwillig zu registrieren, um dann schneller durch die Grenzkontrollen zu kommen. Das Paket hätte nach Schätzungen der Kommission 1,1 Millionen Euro gekostet, wäre aber absehbar noch deutlich teurer geworden.

 

Was würde der Vorschlag bringen? Grenzschützer wüssten, wer länger als erlaubt in der EU bleibt. Da aber damit natürlich noch nicht bekannt ist, wo diese Menschen sich aufhalten. Im Ergebnis bliebe also eine immens teure Statistik über Menschen, die ihre Visafristen verletzen.

 

Die Grüne Europafraktion hat von Anfang an dagegen mobilisiert, unter anderem mit der Kampagne "Smash Smart Borders" und einer mit der Heinrich-Böll-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie zu den Kosten und den Grundrechtseingriffen. Eine Zusammenfassung der Studie gibt es auch als Video.

 

Wegen der immensen Kosten und der unklaren Realisierbarkeit (die USA haben ein ähnliches Programm nach ersten Versuchen wieder aufgegeben) gab es im Europäischen Parlament nie eine Mehrheit für den Vorschlag, und mit der Europawahl 2014 endete das Verfahren.

 

Keine Mehrheiten, verzweifelter Neustart 2016

Im April 2016 legte die EU-Kommission einen neuen Vorschlag vor. Er besteht aus dem Ein- und Ausreise-System (Entry/Exit System) und einer entsprechenden Anpassung des Schengener Grenzkodex. Das Gesetzgebungsverfahren dazu läuft seitdem, Berichterstatter ist der spanische Konservative Agustin Diaz de Mera Consuegra.

 

Das Programm zur freiwilligen Registrierung von Vielreisenden ist gestrichen worden, damit sollen die Kosten um 600 Millionen Euro geringer sein. Eine Studie des Europäischen Parlaments hat allerdings ergeben, dass es deutlich mehr werden wird, wenn diverse versteckte Kosten auf Ebene der Mitgliedsstaaten mit hinein gerechnet werden. So werden die Staaten, die eine EU-Außengrenze haben, an jedem Grenzübergang, und sei er noch so klein, neue Technik installieren müssen. Pilotversuche an der finnischen Grenze ergaben dabei zum Beispiel, dass unterhalb einer bestimmten Temperatur die Fingerabdruck-Lesegeräte nicht mehr funktionierten.

 

Um die Kosten rechtfertigen zu können, schlug die Kommission vor, die anfallenden Daten gleich für verschiedene Zwecke zu verwenden. Die Reisedaten, Fingerabdrücke und Gesichtsbilder von völlig legitimen EU-BesucherInnen aus Drittstaaten sollen jetzt direkt den Strafverfolgungsbehörden zugänglich gemacht werden. Das widerspricht klar dem Zweckbindungsgrundsatz des EU-Datenschutzrechts und den Urteilen des Europäischen Gerichtshofs zur Vorratsdatenspeicherung. Sogar der juristische Dienst des EU-Ministerrates hat hierzu Bedenken geäußert, und der juristische Dienst des Europäischen Parlaments sieht ebenfalls schwerwiegende Probleme.

 

Die Daten sollen darüber hinaus fünf Jahre auf Vorrat gespeichert werden. Der Vorschlag von 2013 hatte lediglich eine Speicherfrist von 181 Tagen, weil Reisende mit einem Visum für eine mehrfache Einreise maximal 90 Tage innerhalb von 180 Tagen in der EU bleiben dürfen. Der neue Vorschlag von 2016 besagt, dass die Daten für fünf Jahre gespeichert werden sollen. Diese Frist scheint willkürlich gesetzt, die Logik dahinter scheint zu sein: "Egal worum es geht, wir speichern jetzt für fünf Jahre." Die 2016 gegen den Widerstand der Grünen durchgeboxte Fluggastdaten-Überwachung mit PNR-Daten hat ebenfalls fünf Jahre Speicherfrist.

 

Wildwuchs der Datensammlung stoppen

Seit Anfang Januar liegen die Änderungsanträge der Fraktionen im Europäischen Parlament auf dem Tisch. Die Grünen, vertreten durch Jan Philipp Albrecht als Schattenberichterstatter, haben eine vollständige Zurückweisung des Kommissionsvorschlages beantragt.

 

Für den Fall, dass es dafür keine Mehrheit gibt, wollen die Grünen diese zentralen Punkte ändern:

Kürzung der Speicherfrist auf 181 Tage wie ursprünglich vorgeschlagen, analog zur maximalen Visa-Dauer für Visa mit mehrfacher Einreise.

Für Visa zur einmaligen Einreise Kürzung der Speicherfrist auf 72 Stunden nach der Ausreise;

Kein Zugriff der Strafverfolger auf Daten von völlig unverdächtigen Reisenden;

Keine Speicherung von Fingerabdrücken, sondern nur der Gesichtsbilder.

 

Die politische Auseinandersetzung wird in der derzeitigen politischen Stimmung hart werden. Es ist daher zentral, dass das völlig unklare Verhältnis von Kosten und Nutzen dieses Vorschlages thematisiert wird.

 

Sehr lesenswert dazu ist eine Recherche des neuen investigativen JournalistInnenverbundes "investigate Europe", die zu diesem Thema mit Grenzbeamten und anderen Praktikern gesprochen und sogar die EU-Datenbankagentur eu-LISA besucht haben.

 

Mehr zu den bestehenden und geplanten EU-Datenbanken für Grenzmanagement und Strafverfolgung gibt es in der neuen Datenschutzbroschüre von Jan Philipp Albrecht.